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Mit 10 Teilnehmenden war unser Labor am 9.5. gut besucht. Marek Spitczok von Brisinski war bereits das dritte mal als Laborleitung für die Experimente in diesem monatlichen Raum dabei. Diesmal ging es um Schutzkonzepte für Organisationen in denen es strukturelle Machtungleichgewichte gibt – also fast alle. Marek ist Dipl.-Soziologe, Diverstiy Trainer, Mediator, Traumafachberater und Organisationsentwickler. Er ist seit 2014 Beauftragter zu Fragen von sexualisierter Gewalt im Jesuitenorden.

Im Labor waren hauptsächlich Menschen, die in Freien Schulen aktiv sind und dort nicht nur mit Kinderrechten sondern eben auch mit Kinderschutz zu tun haben, zu Gast. Es drehte sich viel um die praktische Erstellung bzw. Umsetzung solcher Konzepte in Schulen und in der Arbeit mit Erwachsenen.

Perspektivwechsel üben

Marek lud uns zunächst zum Perspektivwechsel ein. Er trug einen Fall vor, der so oder so ähnlich in einer Schule hätte stattfinden können – dabei ging es um den Verdacht (!) dass ein Lehrer einer Schülerin emotional und körperlich zu nahe gekommen war. Wir waren aufgefordert die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten und Betroffenen einzunehmen und ihnen jeweils eine Stimme zu geben. Figuren in der Übung waren: Das Mädchen, ihre beste Freundin, ihre Eltern, die Lehrerin der sie sich anvertraut hat, der beschuldigte Lehrer, die Schulleitung, das Kollegium, die anderen Eltern, die anderen Schüler*innen und der Schulträger. Es war sehr aufschlussreich, wie viele unterschiedliche Perspektiven und Ansichten in so einem Fall zusammen kommen und sich dann ja auch früher oder später Bahn brechen. Die Übung war – auch ob des Themas – eher anstrengend und dennoch sehr erhellend, weil die Vielschichtigkeit und Komplexität des Problems so sichtbar wird, gegenüber dem Wunsch nach einer schnellen Lösung. Im Anschluss gab es eine lebhafte Diskussion über die in der Übung gewonnenen Einsichten und natürlich auch über mögliche Handlungsoptionen in solchen Fällen.

Hintergründe und Fakten

Hier wurde vor allem darauf hingewiesen, dass es sich um einen Verdacht handele und es wichtig ist, ein Konzept zur Verdachtsklärung unter Einbeziehung externer Fachkräfte gibt. Den Aussagen von Kindern sind zuallererst zu glauben und dann weitere Schritte zur Erhellung des Vorgefallenen zu gehen und die Schwere des Verdachts entweder als Grenzverletzung, übergriffiges Verhalten oder Straftat einzuordnen. Falschbeschuldigungen von Kinder gibt so gut wie nie, es ist also immer davon auszugehen, dass Kinder sexualisierte Gewalt wirklich erlebt haben, wenn sie davon berichten. Dabei ist auch wichtig, auf Übergriffe unter Kindern und Jugendliche zu achten. 85-90% der Täter sind männlich identifiziert und 10-15% weiblich identifiziert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass es in Deutschland aktuelle eine Millionen Kinder und Jugendliche gibt, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind ein bis zwei Kinder/Jugendliche pro Schulklasse. (Quelle: www.hilfeportal-missbrauch.de). Das Risiko für Menschen mit Behinderung ist noch größer.

Hierbei sind ausschließlich die strafrechtlich relevanten Handlungen (Sexueller Missbrauch) gemeint, grenzverletzendes Verhalten (einmalig und unbewusst) sowie übergriffiges Verhalten (bewusstes Ausnutzen von Macht) fließen in diese Statistiken nicht mit ein.

Das Schutzkonzept

Ein Schutzkonzept hat mehrere Ziele:

  • eine sichere Umgebung zu gestalten, die vor Gewalt und Ausbeutung schützt
  • kompetente Unterstützung anzubieten und zu vermitteln
  • Verfahrenswege für Verdachtsklärungen aufzuzeigen.

Es umfasst verschiedene Bausteine die nicht unbedingt linear hintereinander weg erarbeitet werden sollten, sondern an unterschiedlichen Stellen der Organisation nacheinander entstehen können.

Hier eine Übersicht:

Rahmen

Leitbild/Leitlinien

Personalverantwortung (Führungszeugnis/ Leitung)

Verhaltenskodex/Ampel

Prävention

Thematisierung & Fortbildung für Mitarbeitende

Partizipation der Mitarbeitenden & Schutzbefohlenen

Informations- & Präventionsmaßnahmen (z.B. sexualpädagogische Angebote)

Intervention

Beschwerdeverfahren/Ansprechpersonen

Interventionsplan

Externe Kooperation & Vernetzung

 

Organisationen, die ein Schutzkonzept erarbeiten wollen, um sowohl Schutzbefohlene als auch Mitarbeitende abzusichern, wird empfohlen schrittweise und bausteinhaft vorzugehen und sich bei Bedarf externe Begleitung zu holen.

Aufarbeitungsbedarf

Die erste und wichtigste Frage bei der Erarbeitung ist:

Gibt es in unserer Organisation Bedarf an Aufarbeitung vergangener Fälle?

Diese mögliche Aufarbeitung hat absoluten Vorrang vor allem anderen, denn wenn sie nicht ausreichend gemacht ist, wird der vergangene Fall im Laufe des Prozesses der Erarbeitung eines Konzeptes immer wieder auftauchen. Diese Aufarbeitung braucht externe Begleitung und muss für jede Organisation entwickelt werden. Hier können auch individuelle Bedarfe abgedeckt werden, sowohl in Einzelgesprächen also auch in Gesprächsrunden mit mehreren freiwillig Beteiligten, moderiert von Fachkräften.

Es kann sinnvoll sein, anfangs mit der Recherche nach Personen und Beratungsstellen zu beginnen, um sich ein Netzwerk und externe Kooperationen aufzubauen.

Risiko – und Potentialanalyse

In allen Arbeitsbereichen der Organisation sollte eine Risiko- und Potentialanalyse durchgeführt werden, hierbei ist es wichtig sich systematisch den Fragen zu stellen, die nach Lücken im System suchen:

  1. Welche Strukturen, räumlichen Gegebenheiten, Situationen oder Gepflogenheiten bergen besondere Risiken für sexuelle Übergriffe und andere Formen von Gewalt?
  2. Wie groß ist die Gefahr, dass ein*e Betroffene*r in dieser Organisation keine Hilfe findet oder gar nicht danach sucht?

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs gibt auf seiner Webseite dazu viele Hinweise: https://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de/schutzkonzepte

Im Vorfeld zu dieser Analyse nennt es der Unabhängige Beauftragte für unabdingbar, dass sich die Personen, die sich in der Organisation mit der Risiko- und Potentialanalyse beschäftigen, intensiv mit den Fakten rund um das Thema auseinandersetzen, insbesondere auch mit den Strategien der Täter*innen.

Übergriffe unter Kindern

Ein besonderes Thema in Kindereinrichtungen sind in diesem Feld Übergriffe unter Kindern. Diese können schon im Kindergartenalter stattfinden und gehen weit über die so genannten Doktorspiele hinaus. Während so genannte Doktorspiele aus kindlicher Neugierde und Forschungsdrang entstehen und eben spielerisch und freiwillig sind, haben sexuelle Übergriffe unter Kindern vor allem folgende Kriterien:

  • Unfreiwilligkeit
  • Machtgefälle
  • Geheimhaltungsdruck

In solchen Fällen brauchen alle beteiligten Kinder professionelle Hilfe. Pädagogisches Fachpersonal muss geschult sein, hier professionell und achtsam zu agieren. Insbesondere die Arbeit mit den Eltern der betroffenen und übergriffig gewordenen Kindern ist hier wesentlich.

Zum Schluss

Unser Labor endete wie üblich in der SOCIUS lounge bei Suppe und Getränken und in diesem Fall vielen tiefen Gesprächen zu einem Thema, das niemanden unberührt lässt.

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