Zum neuen Jahr wünschen wir uns und Euch
eine stabile Zivilgesellschaft.
Kontakt- und Konfliktmut
Mut zu Wahrheiten,
und Mutanfälle.
Mehrsamkeit,
Achtsamkeit und Resonanz.
peace of mind
und piece of cake.
Ich habe die Kolleg:innen gefragt, was sie das für sie bedeutet. Hier sind ihre Antworten:
Julia – Welchen Mutanfall würdest du gern provozieren – nur um zu sehen, ob andere sich anstecken lassen?
Mutanfälle zu leiser Kreativität
Vielleicht keinen lauten.
Keinen schrillen.
Sondern einen leisen, fast unauffälligen.
Den Mut, im Alltag einen kleinen kreativen Schlenker zu wagen.
Eine naive Frage zu stellen, die dir wirklich durch den Kopf geht.
Etwas auszuprobieren, ohne zu wissen, ob es „gut“ ist.
Etwas zu sagen, obwohl jemand kurz irritiert schaut.
Mikro-Kreativität.
Nicht die große Idee, sondern ein kleiner Moment des “anders als bisher machen”.
Kreativ sein, ohne einen Zweck zu verfolgen.
Spiel. Probier aus. Verirr dich.
Hab Freude an Farbe und an Leere,
am Schiefen und am Schönen,
am Unfertigen.
Kreativität muss nichts beweisen.
Sie darf entstehen, einfach weil wir da sind.
Und vielleicht – ganz nebenbei –
steckt sich jemand an.
Christian – Für welche Art von Wahrheiten braucht es /brauchst du besonderen Mut?
„Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus Jesus in Bachs Johannespassion. Und sofort geht die Geschichte weiter. Es entsteht der Eindruck: Die Antwort interessiert ihn gar nicht.
Ich bin weder Theologe noch Musikwissenschaftler; als Hörer und Chorsänger werde ich an dieser Stelle regelmäßig traurig. Wie können Menschen so lakonisch mit „Wahrheit“ umgehen? Wahrheit entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Spannungsfeld von Beziehung, Situation und Verantwortung. Sie wird ausgesprochen, geprüft, korrigiert oder bestätigt und manchmal schmerzhaft neu errungen.
Wahrheit ist kein gebrauchsfertig verfügbarer Gegenstand, sie bleibt subjektiv und bedarf der intersubjektiven Pflege und Weiterentwicklung. Zugleich kann sie nicht beliebig erfunden werden – auch wenn Menschen das gegenwärtig verstärkt versuchen. Wahrheit ist kein privates Gefühl und kein Machtinstrument, sondern eine Kostbarkeit: Sie entsteht zwischen Menschen und bleibt gebunden an Werte, Kontexte und Vorstellungskraft. Mut zu Wahrheiten bedeutet dann, sich diesem Prozess immer wieder auszusetzen – auch mit dem Risiko des Scheiterns, der Korrektur und der Belastung oder Stärkung von Beziehungen.
Denise – was bedeutet Mehrsamkeit für dich?
Mehrsamkeit bedeutet für mich Verbundenheit. Sie entsteht, wenn wir uns Zeit füreinander nehmen, uns austauschen und wirklich miteinander sind. Wenn wir Erlebnisse, Gedanken und Gefühle teilen, verstehen wir uns besser – und genau das macht Mehrsamkeit für mich aus.
Wir sind ein Team, das selten komplett zusammenkommt. Auswärtsaufträge, unterschiedliche Wohnorte und andere Verpflichtungen machen gemeinsame Momente rar. Gerade deshalb ist mir in unserer Vorweihnachts-Workation-Woche wieder bewusst geworden, wie gut uns diese Mehrsamkeit tut. Wenn wir zusammen sind, fühlt sich das richtig an. Es entsteht ein starkes Wir-Gefühl – wir sind näher dran und einfach mehr wir.
Ich wünsche mir mehr Mehrsamkeit bezogen auf uns. Mehr Momente, in denen wir bewusst zusammen sind: gemeinsam arbeiten, denken, lachen, reflektieren – in all unserer Individualität. So verschieden wir auch sind, genau diese Verschiedenheit bereichert unser Zusammensein.
Diese gemeinsamen Zeiten tun unseren Beziehungen gut. Sie schaffen Vertrauen, Nähe und erinnern uns daran, warum wir als Team zusammenarbeiten.
Für das neue Jahr wünsche ich mir deshalb, dass wir Mehrsamkeit bewusster leben und pflegen – für unsere Zusammenarbeit und unsere Beziehungen. Und darüber hinaus wünsche ich mir das auch allgemein: mehr echtes Miteinander, mehr Verbindung und mehr gemeinsame Zeit in unserer Gesellschaft.
Andi – Wie kann ein piece of cake zu einem peace of mind führen?
Das Piece of Cake ist nicht als Gegenprogramm zu „…we want the whole fucking bakery!“ gemeint. Eher im Sinne von lustvoller Leichtigkeit trotz allem. Und da ich nicht glaube, dass man sich an Bullshit gewöhnen sollte, würde ich den „Peace of Mind“ mal kämpferisch übersetzen als: Zuversicht, dass wir stärker sind als die, die den Kuchen alleine essen und die Aufklärung zurückdrehen wollen.
Nicola – wieso brauchen wir eine stabile Zivilgesellschaft?
Eine stabile Zivilgesellschaft ist das Fundament, auf dem wir stehen. Sie lebt davon, dass wir einander zuhören, Vielfalt nicht nur aushalten, sondern als unsere größte Stärke begreifen und Menschenrechte als das unantastbare Versprechen unserer Gemeinschaft verteidigen.
Demokratie ist weit mehr als ein Kreuz auf dem Wahlzettel: Sie ist eine tägliche Praxis, Räume zu schaffen, in denen Inklusion und Diversity keine fernen Ideale sind, sondern gelebter Alltag sind. Stabilität und stabile Strukturen entstehen dort, Flexibilität möglich ist. Auch hier wird Mut gebraucht, um Miteinander und Offenheit zu ermöglichen, in Begegnungen, die die Würde jedes Einzelnen ins Zentrum unseres Handelns zu stellen. In Zeiten, in denen weltweit die Stimmen lauter werden, die genau das in Frage stellen, tut es Not, dass wir noch lauter werden.
Cong – Wenn wir Mut zu Konflikten und Kontakt haben: Was würde das im Kern unserer/deiner Arbeit beflügeln?
Ich glaube dran, dass Mut zu Konflikten und Kontakt es erst ermöglicht, Spannungen und Gegensätze als produktive Kraft für Erneuerung zu nutzen, indem es Probleme und alte Muster sichtbar und besprechbar macht. Wenn dies konstruktiv geschieht, entstehen Räume für Dialog und Integration, in denen unterschiedliche Perspektiven wertgeschätzt und kreative Lösungen entwickelt werden können. Dadurch entfacht sich jene lebendige Erneuerungsenergie, die wir heute so dringend brauchen.



