Es war ein Montagabend, und ich war nervös.
Vor mir: Der Bildschirm mit den zoom-Kacheln, die sich langsam mit den Gesichtern meiner Peergroup füllte, und ein Skript, das ich mir selbst geschrieben hatte – weil Englisch nicht meine erste Sprache ist und ich sichergehen wollte, dass ich nichts Wichtiges vergesse. Ich war dabei, zum ersten Mal eine sogenannte Global Social Witnessing Session im Rahmen des Facilitator Trainings zu leiten. Thema: Leben mit chronischer Erkrankung.
Ein Thema, das ich nicht nur aus Büchern kenne.
Was ist Global Social Witnessing?
Wir leben in einer Zeit, in der wir täglich mit Nachrichten überflutet werden. Kriege, Klimakatastrophen, soziale Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Armut, Ausbeutung, Gewalt. Irgendwann schalten wir ab – nicht weil wir herzlos sind, sondern weil unser Nervensystem schlicht überfordert ist.
Global Social Witnessing (GSW) setzt genau hier an. Das Pocket Project unter Leitung von Kosha Joubert hat mit vielen internationalen Expert:innen ein Training entwickelt, um Global Social Witnessing Calls zu facilitieren. Ich nehme seit April 2025 an diesem Training teil.
Die Grundidee von GSW: Wir Menschen haben die Fähigkeit, achtsam bei dem zu verweilen, was in der Welt geschieht – ohne wegzuschauen, ohne abzustumpfen, ohne gefühllos zu werden. Diese Fähigkeit müssen wir üben.
GSW folgt dabei drei Schritten:
- Zuerst die aufmerksame Wahrnehmung – du hältst inne, anstatt weiterzuscrollen. Du lässt eine Information wirklich ankommen.
- Dann die innere Resonanz – du spürst nach: Was macht das mit mir? Wo zeigt sich das in deinem Körper? Zieht sich etwas in deiner Brust zusammen? Kommt Trauer? Wut? Das Ereignis wird von einer abstrakten Zahl zu einer menschlichen Erfahrung.
- Und schließlich die reflektierte Antwort – aus diesem Innehalten heraus kannst du bewusster handeln. Nicht aus Panik oder Betäubtheit, sondern aus Klarheit.
Brené Browns „Strong back – soft front – wild heart“ passt für mich perfekt in die Haltung von Global Social Witnessing.
1,3 Milliarden Menschen – und wir schauen kaum hin
Chronische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Todesursache weltweit – sie machen rund 75% aller Todesfälle aus. Etwa 1,3 Milliarden Menschen, also jeder sechste Mensch auf diesem Planeten, lebt mit einer bedeutenden Beeinträchtigung, die oft auf chronische Erkrankungen zurückgeht.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Nachbar:innen, Kolleg:innen, Freund:innen Familienmitglieder. Vielleicht bist du selbst eine von ihnen.
Und dennoch: Gesellschaftlich ist dieses Thema weitgehend unsichtbar. Denn viele chronische Erkrankungen – Autoimmunerkrankungen, chronische Schmerzen, ME/CFS – zeigen sich nicht von außen. Wer nicht im Rollstuhl sitzt oder sichtbar krank aussieht, wird oft nicht als krank wahrgenommen. Die Welt ist für gesunde, leistungsfähige Menschen gebaut – mit 9-to-5-Arbeitszeiten, langen Arbeitswegen, sozialen Erwartungen an Energie und Präsenz.
Wer davon abweicht, fällt durch’s Netz. .
Was ich in jener Montagssession gespürt habe
Ich habe die Session mit einer Atemübung begonnen – der sogenannten Cardiac Coherence, die ich wiederum das erste Mal im Art of Hosting Training vor 5 Jahren gelernt habe.
Sechs Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, sechsmal hintereinander.
Der Gedanke dahinter: Wenn wir gemeinsam in diesem Rhythmus atmen, synchronisieren sich unsere Herzschläge – auch über vier Zeitzonen und zwei Kontinente hinweg, so wie in „meinem“ Call.
In diesem Moment habe ich gespürt, warum ich dieses Thema gewählt habe.
Nicht nur weil die Zahlen erschreckend sind. Sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper und Geist nicht so funktioniert, wie die Welt es erwartet. Wenn du nach außen hin „normal“ aussiehst, und innerlich kämpfst. Wenn du erklären musst, was sich von außen nicht erklären lässt.
In unseren Salons zu „Krankheit in Organisationen“ befassen wir uns seit Oktober 2024 mit diesem Thema, auf einem oft sehr sehr persönlichen Level, und ich wollte das Thema in eine weitere Öffentlichkeit bringen, ihm auch eine globale Dimension ermöglichen.
In der Session habe ich dann als Host quasi das Witnessing meiner Peergroup bezeugt. Das war für mich eine wirklich interessante Erfahrung, denn die Kolleginnen waren allesamt überrascht über meine Themenwahl. Sie konnten die Bilder die gesucht hatte von erkrankten Menschen, kaum ansehen und hatten mit dem was diese Woche in Welt los ist, wohl sehr damit gerechnet, dass ich etwas zum us-amerikanischen Angriff auf die islamische Republik Iran „bringe“. Die großen globalen World News sind in der Regel das, was es in die Global Social Witnessing Calls schafft. Mein Thema war persönlich. Und global. Nicht weit weg im Iran, der Ukraine, dem brasilianischen Regenwald. Sondern wirklich überall. Gleich nebenan. Oder sogar im eigenen Körper.
Was macht das mit dir? Wenn du ein so persönliches Thema, das immer wieder privatisiert wird, plötzlich in einen globalen Kontext gesetzt wird?
Ich habe mir dieselbe Frage gestellt. Und ich musste schlucken.
Was passiert, wenn wir kollektiv hinschauen?
GSW behauptet nicht, dass Hinschauen die Welt rettet. Aber es behauptet, dass Wegschauen sie kränker macht – im wörtlichen Sinne. Kollektive Traumata, die nicht gefühlt und verarbeitet werden, setzen sich fest. Sie werden zu unbewussten kulturellen Mustern, die sich von Generation zu Generation weitertragen.
Wenn wir als Gesellschaft lernen, bei dem zu verweilen, was schwer ist – bei den unsichtbaren Erkrankungen, bei den stillen Erschöpfungen, bei den Menschen, die aus dem System fallen – dann beginnt etwas. Keine Revolution vielleicht. Aber ein Riss im Bewusstsein, durch den Licht fällt.
Eine Einladung
Du musst keine GSW-Session besuchen, um anzufangen.
Das nächste Mal, wenn du eine Schlagzeile über Gesundheit, Armut oder Erschöpfung siehst – scrolle nicht sofort weiter. Halte kurz inne. Atme tief ein und aus und frage dich: Was macht das mit mir?
Das ist der Anfang.
Denn um eine Wunde zu heilen – auch eine kollektive – muss sie zuerst gesehen und gefühlt werden.
Komm‘ gerne zu unserem „Salon Krankheit in Organisationen“ – immer am 13. des Monats – wenn du dich für „Arbeiten mit chronischer Erkrankung“ interessierst.



