„Never change a running system“

ist einer der Glaubenssätze, den Trainer:innen, Teams und Organisationen befolgen – oder manchmal auch lieber nicht. 

Autor:in: Christian Baier

Die SOCIUS Organisationsberatung gGmbH – die 1998 gegründet wurde und mittlerweile die Tochter der SOCUS eG ist – wurde in den vergangenen 15 Jahren durch Christian Baier und Andi Knoth als Geschäftsführer vertreten, ab 2026 bilden Lysan Escher und Andi Knoth dieses Tandem. 

Wieso haben wir dieses “running system” verändert? 

Gemeinsame Verantwortung per Rollenboard 

Wir gestalten unsere Zusammenarbeit seit 2018 nach soziokratischen Prinzipien und geteilter Verantwortung in Rollen und treffen Entscheidungen im Konsent. Funktionen wie Geschäftsführung benötigen wir nach Innen nicht, da mit Ihnen keine Verantwortungs- und Entscheidungsbefugnisse verknüpft sind. Entscheidungen, deren Relevanz  uns als Gesamtorganisation betreffen – sei es in der Genossenschaft oder in der gGmbH – treffen wir hierarchiefrei gemeinsam im Konsent. Die Geschäftsführung der gGmbH hat daher eine ausschließlich formale Relevanz.
Im Sinne unseres Verständnisses ist sie daher auch eine Rolle, die rotieren darf. Wir nennen diese Rollen “Wanderrollen” und nun durfte sie wandern.

Practice what you preach 

Auch wenn diese Rolle für unsere Entscheidungsprozesse keine Relevanz hat, so wird sie doch im Außen wahrgenommen. Mit zwei männlichen Geschäftsführern haben wir hier lange Zeit eine patriarchale Signalwirkung bedient und das obwohl wir bei SOCIUS schon seit einigen Jahren aus einem Kernteam von sieben Frauen und drei Männern bestehen.

Als wir damals – noch zu fünft – den Geschäftsführungswechsel in der gGmbH entschieden, war es genau richtig für uns, dass Christian und Andi diese Position übernahmen. Und nun war es genau richtig, dies zu ändern.

Ins Handeln kommen 

Was hindert uns, uns zu verändern? Nichts! Das einzige, was uns letztlich hindern könnte, ist das Vertrauen zueinander, diese Idee konkret umzusetzen. Da es uns an grundlegendem Vertrauen mit-, zu- und untereinander nicht mangelt, war es leicht für uns hier ins Handeln zu kommen. Manchmal nehmen wir aber sowohl bei uns als auch bei anderen, die wir begleiten wahr: die Herausforderung liegt nicht in der Analyse, sondern vor allem in der Umsetzung möglicher Schritte. Ganz egal wie grundlegend Vertrauen vorhanden ist. In diesem Fall ist es uns gut und schnell gelungen. 

Der Prozess

Nachdem uns allen schon eine ganze Weile bewusst war, dass dieser Wechsel aus feministischer Sicht ansteht, haben wir bei unserem Teamretreat in Brač im September 2025 begonnen, intensiver über den Wechsel in der Vertretung der gGmbH zu sprechen. Um dann in einem soziokratischen Entscheidungsprozess – mit bildgebenden und meinungsbildenden Runden,  einem ausformulierten Vorschlag und schließlich der Frage nach dem schwerwiegenden Einwand (es gab keinen) – einen Beschluss im Konsent zu fassen.
Das Ergebnis: Lysan übernimmt die Rolle der rechtlichen Vertretung als Geschäftsführerin der SOCIUS Organisationsberatung gGmbH und teilt sich diese Rolle mit Andi. 

 

Reflexionen

Wie verbinden wir eine bürgerlich verrechtlichte Welt (“Vertretungsberechtigt”) mit unserem Interesse, kreativ und lebendig zusammenzuarbeiten? Ich möchte die Verantwortung, die Geschäftsführer:innen empfinden, überhaupt nicht in Frage stellen. Gerade in Organisationen, die stärker den klassischen Strukturen folgen (und dafür gibt es viele gute Gründe) ist sie nicht zu unterschätzen. In den ungefähr 15 Jahren, seitdem ich die Rolle übernommen habe, gab es vielleicht fünf Fragen, in denen ich als “Geschäftsführer” agiert habe. Die Konfiguration als soziokratische Organisation ermöglicht es uns, Zusammenwirken flüssiger zu gestalten und stärker an unserem Bedarf und nach unseren Wünschen auszurichten als hierarchische Systeme. 

Ich freue mich, dass wir hier einen Schritt gemacht haben. Die “Abgabe” der Geschäftsführung fällt mir leicht: das formale Ergebnis der Vertretungsberechtigung entspricht unseren Werten und es ist kein Hexenwerk. Und es gibt ein großes Vertrauen in Lysan und Andi – und in das gesamte Team – Krisen, in denen es einer formalen Geschäftsführung bedarf,  gut gemeinsam zu gestalten. 

Das setzt gegenseitiges Vertrauen voraus: Seit 2018 setzen wir uns auseinander mit unseren Prozessen und dem “Einüben” soziokratischer Strukturen und ihrer konkreten Praxis im Alltag. Das führt zu Vertrauen. Vertrauen in diejenigen, die die gGmbH nach außen vertreten. Und Vertrauen in das gesamte Team, dass sie in Krisen unterstützt werden. Jetzt wandert diese Rolle zu einem neuen Tandem und so kann – wenn die Prozesse funktionieren – , das ja perspektivisch eine rotierende Rolle werden.

 

Für mich war in unserem Prozess vor allem die praktische Auseinandersetzung mit unserer gelebten soziokratischen Kultur und Struktur im Innen und der hierarchisch angelegten Rechtsform der gGmbH im Außen interessant. 

Es hat mir und uns als Team Anlass gegeben, uns einmal mehr ganz praktisch mit dem Spannungsfeld der Diskrepanz von Selbstorganisation in hierarchischen Rechtsformen auseinanderzusetzen. In meinen Arbeitsalltag als Organisationsentwicklerin bin ich immer wieder mit diesen Spannungsfeldern und Herausforderungen an der Schnittstelle von Rechtsform und Betriebssystem der Organisation konfrontiert. Dann ist es hilfreich ein tiefes Verständnis davon zu haben, wie schwer ist – vorallem wenn es spannungsbasiert wird – nicht dem sozialisierten Autopilot zu folgen und doch hierarchisch oder zumindest informell machtvoll zu agieren. 

 

Im Prozess hin zu einer  selbstorganisierten, sich soziokratisch verstehenden Organisation gab es aus meiner Perspektive viele Schritte. Einen der größten haben wir schon 2018 zum 20. Jubiläum von SOCIUS gemacht, als die Gesellschafter:innen der gGmbH ihre Anteile an die Genossenschaft verkauften und diese damit zu unserem “Hauptspielfeld” für die Begleitung von Organisationen machten. Und nicht nur das: Damals wurden alle beteiligten Berater:innen von SOCIUS Vorständ:innen der eG, d.h. wir gingen gemeinsam voll in die Verantwortung für unser gemeinsames Vorhaben: Gleichberechtigt, auf Augenhöhe, haftbar für die Handlungen der anderen im Rahmen ihrer Entscheidungen für die Genossenschaft. Deswegen bekam – aus meiner Sicht – die soziokratische Form und vor allem auch die Entscheidung im Konsent und das Rollenboard eine viel größere Bedeutung, denn es war klar: Wir treffen keine großen Entscheidungen gegen einen schwerwiegenden Einwand UND wir brauchen ein System, dass uns schnell handlungsfähig macht: Das Rollenboard. 

Mit den Abschieden und Willkommenheißen der Jahre danach haben wir diese Grundstruktur nicht wieder in Frage gestellt, sondern immer nur konsequenter weiterentwickelt. Das Genossenschaftsgesetz spricht von Vorständen, das GmbH-Gesetz von Geschäftsführung und wir wissen um die Bedeutung von Assoziationen, die Sprache auslöst; von Hierarchien und  Rängen, die damit verbunden werden. Davon wollten wir uns in unserer inneren SOCIUS Verfasstheit verabschieden und gleichzeitig natürlich kompatibel zur “bürgerlichen Welt” bleiben. Deswegen haben wir uns für die Formulierung “vertretungsberechtigt” entschieden, denn das ist es, worum es auch rechtlich geht. 

Mit dem Wechsel in der Geschäftsführung der gGmbH zu einem mehrgeschlechtlichen Duo gehen wir nun – auch nach außen sichtbar – einen Schritt, der unsere Gender-Realität genauer abbildet. 

Für uns war es ein spannender Prozess und wir freuen uns über Eure Rückmeldungen, Erfahrungen und Fragen mit dem Spannungsfeld und Verschränkungen zwischen der Bürgerlichen Welt und dem Zusammenwirken innerhalb der Organisation. 

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