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Echte Veränderung erzeugt Widerstand

Wie es gelingt aus Widerstand Energie zu machen

Autor:in: Nicola Kriesel

Es gibt einen einfachen Test dafür, ob ein Veränderungsvorhaben in einer Organisation tatsächlich etwas verändert: Regt sich Widerstand? Wenn ein neues Leitbild, eine neue Struktur oder ein neuer Führungsstil widerstandslos durch die Organisation gleitet, sollte das nicht beruhigen, sondern misstrauisch machen. Entweder war das, was da verändert werden sollte, nie wirklich verankert – dann gab es auch nichts, wovon man sich hätte lösen müssen. Oder das Neue verändert in Wahrheit nichts Grundlegendes, sondern tauscht nur die Oberfläche aus, während darunter alles beim Alten bleibt. Widerstand ist kein Betriebsunfall von Veränderung, sondern ihr verlässlichstes Symptom. Und genau deshalb lohnt es sich, ihn nicht wegmoderieren zu wollen, sondern genauer hinzuhören, was er eigentlich zu sagen hat.

In unserer einjährigen Fortbildung „Führen mit Haltung", die wir ab Frühjahr 2027 wieder anbieten, haben Lysan Escher und ich über mehrere Jahre das Modul zum Umgang mit Veränderungsprozessen und Widerstand gestaltet. Geprägt hat mich dabei weniger die Theorie als die Wiederholung: Jahr für Jahr, in immer neuen Gruppen mit immer neuen Führungskräften, tauchen dieselben Sätze auf, kaum dass ein Vorhaben benannt ist. „Das war schon immer so." „Ohne mich!" „In der Theorie vielleicht, aber in der Praxis …!" Diese Sätze sind nicht das Problem, das es zu lösen gilt. Sie sind der Beweis, dass etwas tatsächlich in Bewegung geraten ist – denn wo nichts auf dem Spiel steht, muss sich auch niemand wehren.

Es gibt keine Abkürzung an Widerstand und Chaos vorbei

Um zu verstehen, warum Widerstand so zuverlässig auftritt, hilft ein Blick auf das, was in Veränderungsprozessen emotional passiert. Ein zentrales Werkzeug aus unserem Modul ist das Haus der Veränderung: ein Bild mit vier Räumen, durch die alle Beteiligten hindurch müssen, wenn sich etwas wirklich etwas verändern soll. Da ist die Zufriedenheit der Komfortzone, in der man sich sicher fühlt und und meist nur scheinbar alle zufrieden sind – „Alles läuft nach Plan!", „Never change a winning team." Da ist der Widerstand, in dem man sich ans Alte klammert, weil es vertraut ist und Veränderung meist Unsicherheit und Sorgen auslöst und Energie kostet. Da ist das Chaos, das entsteht, wenn das Alte losgelassen wird, ohne dass das Neue schon trägt – schlaflose Nächte, Lähmung, die leise Verzweiflung eines „Ich kann nicht glauben, dass ich jetzt plötzlich etwas völlig anderes tun soll." Und irgendwann, nicht selten über Umwege, der vierte Raum: Erneuerung und Integration, in dem aus der anfänglichen Zumutung so etwas wie Neugier und Aufbruchsstimmung wird – „Lass es uns doch ausprobieren", „Neue Chance, neues Glück."

Entscheidend ist, dass es zwischen dem ersten und dem vierten Raum keine Abkürzung gibt. Jede Veränderung führt durch den Raum des Widerstands hindurch, nicht als Umweg, sondern als Teil der Strecke selbst. Wer als Führungskraft versucht, diesen Raum zu überspringen – etwa, indem Kritik möglichst schnell weg argumentiert oder unangenehme Gespräche vermieden werden –, verschiebt das Problem nur in die Zukunft. Der Widerstand verschwindet nicht, er taucht später wieder auf, meist an einer Stelle, an der er schwerer zu adressieren ist.

Die einen wollen ankommen, die anderen wollen erst losgehen

Was diese Landkarte allerdings nicht zeigt, ist eine Dynamik, die in der Praxis oft mehr Reibung erzeugt als der Widerstand selbst: das Tempo, mit dem unterschiedliche Menschen durch diese Räume gehen. Selbst innerhalb derselben Organisation, desselben Teams, oft sogar derselben Leitungsrunde, ist die Geschwindigkeit radikal verschieden. Die einen haben die Entscheidung längst innerlich getroffen, sind im Kopf schon im vierten Raum und können nicht verstehen, warum andere noch immer über das Für und Wider diskutieren. Die anderen brauchen genau diese Diskussion, weil sie das Alte erst würdigen und verstehen müssen, bevor sie es loslassen können – für sie fühlt sich das Tempo der Ungeduldigen wie eine Zumutung an, wie eine „freundliche Abrissbirne", die einfach durchfährt.

Aus dieser Tempodifferenz kann ein Konflikt entstehen, der oft mit dem eigentlichen Veränderungsinhalt kaum noch etwas zu tun hat: Die einen wollen Lösungen, die anderen wollen Prozess. Wer Lösungen will, empfindet jede weitere Gesprächsrunde als Verzögerung, vielleicht sogar als Ausdruck von Wehleidigkeit,mangelndem Mut oder absichtsvollem Widerstand. Wer Prozess will, empfindet das Drängen auf schnelle Entscheidungen als Übergangen werdenn, als Missachtung dessen, was gerade wirklich verhandelt werden müsste oder Geringschätzung des bisher Geleisteten. Und das Tückische daran ist: Auch Führungskräfte, die dieses Auseinanderlaufen der Tempi kennen und bewusst einkalkulieren, geraten damit in Konflikte – weil Einkalkulieren allein noch keine Antwort darauf ist, wessen Tempo gerade den Takt vorgibt. Es braucht dafür eine explizite Verständigung darüber, dass beide Bedürfnisse legitim sind, und eine bewusste Entscheidung, wie viel Raum dem langsameren Tempo eingeräumt wird, ohne die schnelleren Beteiligten zu verlieren.

Nicht jeder Widerstand meint dasselbe

Wer diese unterschiedlichen Tempi im Blick behält, stößt auf eine weitere Unterscheidung von Widerstand: 

  • Da ist der offene Widerspruch – Gegenargumente, Streit, ein unverblümtes „Dazu hatte ich noch keine Lust." 
  • Da ist die Aufwiegelung, die sich subtiler bewegt: Flurfunk, Allianzen, Lästern, das Infragestellen von Kompetenzen hinter vorgehaltener Hand. 
  • Da sind die Ausflüchte – „Das wusste ich nicht", „Hat doch keine Prio", folgenlose Zustimmung, die im Zweifel nie zu etwas verpflichtet. 
  • Und da ist schließlich das Nichtstun, das leiseste und oft langlebigste Muster: zurückziehen, vergessen, aussitzen, im Zweifel auch mal krank werden.

Diese Formen zu erkennen ist hilfreich, aber es beantwortet noch nicht die eigentlich entscheidende Frage: Woher kommt dieser Widerstand? Wir unterscheiden dabei drei Quellen, die sich hinter derselben Form ganz unterschiedlich verbergen können:  

  • Emotionaler Widerstand ist affektgeleitet – er speist sich aus Angst, aus Kränkung, aus dem Gefühl, nicht gesehen oder nicht gefragt worden zu sein. 
  • “Politischer” Widerstand ist interessengeleitet – er entsteht, weil jemand durch die Veränderung tatsächlich etwas zu verlieren hat: Einfluss, Ressourcen, eine mühsam erarbeitete Position. 
  • Rationaler Widerstand schließlich ist fachlich begründet – er beruht auf einer sachlich nachvollziehbaren Einschätzung, dass der eingeschlagene Weg so nicht funktionieren wird.

Der Satz „Wir müssen nochmal die Rollen klären!" kann aus jeder dieser drei Quellen kommen. Er kann eine berechtigte fachliche Sorge ausdrücken, weil tatsächlich Zuständigkeiten ungeklärt sind. Er kann ein politisches Manöver sein, um eine unliebsame Entscheidung zu verzögern oder die eigene Position abzusichern. Und er kann schlicht Ausdruck von Verunsicherung sein, ein Versuch, sich in einer Situation, die sich nicht mehr sicher anfühlt, wenigstens formal wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Wer auf alle drei Fälle mit derselben Reaktion antwortet – oft: noch mehr Struktur, noch mehr Klarheit, noch ein Workshop –, wird in mindestens zwei von drei Fällen danebengreifen.

Akzeptieren statt bekämpfen

Aus dieser doppelten Unterscheidung – Form und Quelle – lässt sich kein Rezept ableiten, wohl aber eine Haltung, die sich im Umgang mit sehr unterschiedlichen Situationen bewährt. Sie beginnt mit der Akzeptanz, dass Widerstand dazugehört, und zwar nicht als etwas, das man freundlich duldet, während man insgeheim auf sein Verschwinden hofft, sondern als etwas, das tatsächlich Information enthält. Wer offenem Widerspruch mit einem Vier-Augen-Gespräch begegnet, echte Offenheit für Gegenargumente zeigt und der widersprechenden Person eine aktive Rolle im Prozess einräumt, nimmt der Auseinandersetzung ihre Schärfe, ohne sie zu unterdrücken. Wer Aufwiegelung erkennt, kommt selten ohne eine offene Konfrontation aus, oft auch nicht ohne eine externe Perspektive, die hilft, informelle Dynamiken sichtbar zu machen, die sich sonst im Verborgenen festsetzen. Ausflüchten begegnet man am ehesten mit Verbindlichkeit – konkreten Zeitschienen, klaren Zuständigkeiten –, während stilles Nichtstun oft ein ehrliches Gespräch über die tatsächliche Befindlichkeit braucht, weil sich dahinter fast immer mehr verbirgt als schlichte Trägheit.

Was all diese Interventionen verbindet, ist weniger die Technik als die Grundbewegung dahinter: 

  • sich der eigenen Botschaft bewusst zu sein, die man selbst in die Veränderung hinein trägt;
  • anzuerkennen, dass Widerstand fast immer auch eine emotionale Komponente hat, selbst wenn er sich rational oder politisch begründet ist; 
  • Informationen zu teilen, statt sie zurückzuhalten, weil Unklarheit fast immer mehr Widerstand erzeugt als schlechte Nachrichten. 
  • Und, so unbequem das klingt: sich Zeit für Kommunikation zu nehmen, auch und gerade dann, wenn der Zeitplan drängt und die eigene Ungeduld am lautesten schreit.

Ein Container für den Widerstand

Was hier für Organisationen beschrieben ist, lässt sich in anderem Maßstab vermutlich auch auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse übertragen. Auch dort zeigt sich Widerstand in unterschiedlichen Formen, vom offenen Protest bis zum stillen Rückzug aus Beteiligung, und auch dort speist er sich aus einer Mischung aus Angst, handfesten Interessen und berechtigter fachlicher Skepsis. Anders als in Organisationen fehlt gesellschaftlich jedoch oft der Eindruck, dass es für all das einen Ort gibt.

Dabei existiert dieser Ort durchaus, zumindest in der Anlage: Eine parlamentarische Demokratie mit gewählten Vertreter*innen ist im Kern nichts anderes als so ein Container für genau diese Art von Moderation und Aushandlung – ein Ort, an dem unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Tempi und unterschiedliche Formen von Widerstand ihren legitimen Platz haben und in einen geregelten Prozess überführt werden können. Und auch Zivilgesellschaft, in ihren vielfältigen Formen, schafft solche Container: Räume, in denen Widerstand nicht sprachlos bleibt, sondern eine Adresse findet. Vielleicht liegt gerade darin eine der großen Aufgaben unserer Zeit: Container zu stärken, in denen Widerstand gehört und verhandelt werden kann, statt ignoriert oder sogar bekämpft zu werden. 

 

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Lysan Escher entstanden.