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Im Zwischenraum

über Zuversicht, Empörung und Vermächtnis

Autor:in: Christian Baier

Die politischen Verschiebungen der vergangenen Monate und Jahre lassen wohl keinen Menschen unberührt. Rechtspopulistische und -extreme Positionen gewinnen Raum, zivilgesellschaftliche Organisationen erleben zunehmenden Druck. Und wir nehmen wahr, dass damit auch Unsicherheit wächst: Was können wir sagen? Wo widersprechen? Wie politisch sein? Wo finden Gespräche statt, in denen auch Angst, Wut, Zweifel und Unfertiges Platz haben?

Wir wollten dafür Räume öffnen. Keine Veranstaltungen, in denen schon vorher feststeht, was am Ende herauskommen soll. Eher Orte für das gemeinsame Suchen in einer Zeit, in der vieles nicht mehr selbstverständlich trägt und zugleich noch nicht klar ist, was an seine Stelle treten wird.

So entstanden unsere Zwischenräume; drei Abende, zu Zuversicht, Empörung und Vermächtnis. Immer mit einem kurzen Impuls. Und danach vor allem mit Zeit für Resonanz, Selbst-Vergewisserung, Assoziationen, Widerspruch und gemeinsames Weiterdenken.

Zuversicht: „Ich mache mich auf den Weg – und zwar mit anderen.“

Was hält uns aufrecht, wenn Gewissheiten brüchiger werden? Unser erster Abend begann mit vermeintlich kleinen, sinnlichen Eindrücken: Momente des Staunens, ein Blick aufs Meer, ein Konzert, Jugendliche, die etwas auf die Beine stellen, ein Entenküken, das einem Schmetterling folgt.

Von dort führte das Gespräch schnell zu größeren Fragen. Ist Zuversicht eine Stimmung? Eine Entscheidung? Ein Privileg? Und was unterscheidet sie von Hoffnung oder Optimismus?

Ein wesentlicher Satz war: „Optimismus ist eine Erwartung, die ich habe. Zuversicht ist eine Praxis, die wir teilen.“

Im Laufe des Abends wurde Zuversicht immer stärker als etwas Gemeinsames sichtbar; auch als etwas, was kein fixes Quantum ist, sondern entwickelt werden kann. Sie hat mit einem realistischen Blick auf die Situation zu tun, mit der Erfahrung eigener Handlungsfähigkeit – und vor allem damit, nicht allein zu sein. Ein Satz aus der Runde brachte das gut auf den Punkt: „Ich entscheide mich für Zuversicht und mache mich auf den Weg – und zwar mit anderen.“ Später fiel dafür der schöne Begriff „Zuversichtsgemeinschaft“.

Und vielleicht war der Abend selbst bereits ein kleines Beispiel dafür. Im Check-out sagte jemand, dass dieser Raum Zuversicht unterstütze. Ein anderer sprach von einem „erfrischenden Pool“. Nicht weil plötzlich alles gut erschien. Sondern weil es leichter wird, einer offenen Zukunft zu begegnen, wenn wir sie nicht allein tragen müssen.

Empörung: „Wir sind zu erschöpft, um richtig empört zu sein.“

Der zweite Abend hatte eine andere Energie. Wir wollten der Wut und der Empörung Raum geben – Gefühlen, die in professionellen Kontexten schnell als zu emotional, zu unkontrolliert oder wenig lösungsorientiert gelten. Und dann fiel dieser Satz: „Wir sind zu erschöpft, um richtig empört zu sein – und wenn wir uns empören, erschöpft uns das.“

Damit war eine Spannung benannt, die den Abend begleitete. Empörung kann Energie freisetzen, Grenzen markieren, Ungerechtigkeit sichtbar machen. Sie kann aber auch auslaugen. Wie also wird aus ihr etwas, das trägt?

An einer Stelle wurde es unbequem: Was unterscheidet eigentlich unsere Empörung von der Empörung am rechten Rand? Auch dort erleben Menschen sich als verletzt, übergangen und nicht gesehen.

Eine Antwort aus der Runde lautete: „Wut plus Denken gleich Empörung.“ Andere brachten Trauer, Menschenwürde, Grund- und Menschenrechte ins Gespräch. Wir diskutierten darüber, worauf sich Empörung beziehen muss, damit sie nicht selbst in Feindbilder, Abwertung und Verhärtung kippt.

Am Ende standen keine sauberen Definitionen. Eher die Wahrnehmung, dass Wut, Widerstand, Empörung und Trauer zusammengehören – und dass es Räume braucht, in denen wir diese Verbindungen überhaupt wahrnehmen und miteinander untersuchen können.

Vermächtnis: „Glitzer, der durchfällt.“

Beim dritten Abend sprang unsere Ausgangsfrage weit nach vorn: Wofür wollen wir in fünf Jahren hier gewesen sein?

„Vermächtnis“ führte zunächst sehr persönliche Bilder in den Raum: Eltern, Krankheit, Tod, das eigene Leben, die Frage, was von uns bleibt. Doch im Laufe des Gesprächs begann sich der Begriff zu drehen.

Vielleicht ist Vermächtnis gar nicht linear. Vielleicht bewegt es sich nicht einfach von uns aus in eine Zukunft. Schließlich waren auch unsere Vorfahr:innen einmal Nachkommen. Und vieles von dem, was wir weitergeben, bestimmen wir überhaupt nicht selbst.

Jemand erzählte, dass ihr heute Aussagen von vor zwanzig Jahren begegnen, an die sie selbst längst nicht mehr denkt – die aber bei anderen etwas ausgelöst haben. Im Gespräch entstand das Bild des: „Glitzer, der durchfällt.“

Und dann wurde es erneut widersprüchlich: Wenn wir unsere Werte in die Zukunft projizieren – ist das Verantwortung oder auch eine Zumutung? Können und sollen wir kommenden Generationen sagen, was ihnen wichtig sein muss? Was bedeutet in diesem Zusammenhang das historische Vermächtnis des „Nie wieder“? Was trägt uns daran – und wo müssen auch tradierte Postulate immer wieder neu befragt werden?

Am Ende stand keine große Geste. Eher eine Ethik der Nähe: viele kleine Bewegungen ins Leben, Beziehungen, Gespräche, Handlungen im Hier und Jetzt.

Vielleicht brauchen wir mehr Zwischenräume

Drei Abende haben uns keine Antwort darauf gegeben, wie wir mit den politischen Veränderungen umgehen sollen. Das war auch nicht ihre Aufgabe.

Sie haben etwas anderes erfahrbar gemacht: Dass Unsicherheit ausgesprochen werden kann, ohne sofort beseitigt werden zu müssen. Dass Menschen einander widersprechen können, ohne das Gespräch zu verlassen. Dass Wut, Angst, Zuversicht, Trauer und Trotz nebeneinander und neben Freude, Spaß und Humor Platz haben. Und dass gemeinsames Denken und Spüren selbst etwas verändert – vielleicht zunächst nur die Art, wie wir in einer schwierigen Gegenwart stehen.

Beim letzten Abend sagte jemand im Check-out: „Positiver Trotz: Politik, du kriegst mich nicht.“ … das könnte schon wieder Thema für einen nächsten Zwischenraum sein.