SOCIUS Logo

Sprache für das, was verloren geht

Über kollektive Trauer, gebrochene Versprechen und das, was unter der Wut liegt.

Autor:in: Nicola Kriesel

Schon Anfang Juni haben wir uns zum SOCIUS labor zu kollektiver Trauer getroffen. Nathalie Rajević und ich waren überrascht und erfreut über die Resonanz zu unserer Einladung; die uns bekannte Reaktion ist: “Das ist ein wirklich wichtiges Thema, gut dass Ihr das macht” und dann nehmen sich vielleicht drei bis fünf Menschen wirklich die Zeit, der Einladung zu folgen. Diesmal war es anders: Eine Woche vorher hatten wir schon acht Anmeldungen, ausschließlich von Menschen, die wir nicht kannten, die also wirklich wegen des Themas kommen wollten. Am 4. Juni selbst waren wir dann ausgebucht und eine Gästin kam sogar unangemeldet und natürlich hatten wir noch einen Stuhl für sie in unserer Runde. 

Ich hatte Nathalie in dieses Labor eingeladen, weil sie im vergangenen Herbst eine zweimonatige Studienreise gemacht hat, die sie nach Kanada und Spanien führte, wo sie den Umgang mit Kollektiver Trauer erforschte und von der Entfernung auch noch mal auf unseren Umgang hier in Deutschland sehen wollte. 

Zusammen mit meiner neuen Praxis in Global Social Witnessing wurde daraus schnell die Idee für ein SOCIUS labor. 

Wir starteten in den Nachmittag mit der Frage: Was hat dich heute hierher gebracht? Welche Hoffnung? Welche Sehnsucht? 

Die Antworten berührten uns sehr: “Trauer ist etwas Intimes, Schmerzhaftes, sich ins Kollektive zu öffnen, erfordert Mut” - “Trauer ist so persönlich, und braucht dringend die Einbeziehung des Körpers, wenn die Sprachfähigkeit eingeschränkt ist” - “unser Projekt geht zu Ende, wird nicht weiter finanziert, alles was wir aufgebaut haben, auch an Beziehungen, wird zerbrechen. Unsere Chefin hat uns empfohlen hier her zu gehen, weil sie meinte, das wäre auch ein Trauerprozess in dem wir stecken.” - “Kindergärten, die Mitglied im Verband sind, schliessen sang- und klanglos, weil es immer weniger Kinder gibt und Eltern keine Kapazitäten für Engagement mehr haben.” - “Ich mache meinen Job dafür, dass es Räume gibt, wo man mit Schwere sein darf. Trauer in Deutschland ist seit über 100 Jahren vor allem ein ignoriertes Thema, das sich durch die Gesellschaft und Familen zieht”. 

Was für ein Auftakt! 

Im Anschluss lenkten wir den Fokus auf Brüche und Verluste und Nathalie teilte ihr Erkenntnisse: 

Wir reden viel über Transformation, über Wandel, Aufbruch und Neuausrichtung. Dabei vergessen wir oft auch darüber zu sprechen was dabei verloren geht, oft haben wir nicht mal Worte dafür.
In einer Zivilgesellschaft, die gerade unter erheblichem Druck steht, fehlt nicht die Trauer selbst, sondern die Erlaubnis, sie so zu benennen.

Nathalie brachte uns Worte, Begriffe und Konzepte mit, die für die Beschäftigung mit Kollektiver Trauer wesentlich sind: 

  • Ambiguous Loss: Geprägt von Pauline Boss, einer us-amerikanischen Familientherapeutin, die ihn in den 90er Jahren beschrieb: Ambiguous Loss bezeichnet Verluste, die keine klare Grenze haben — kein Ende, keinen Abschluss, keine gesellschaftlich anerkannte Form. Boss unterscheidet zwei Typen: Jemand ist physisch abwesend, aber psychisch präsent (z.B. Vermisste, Emigrierte, Entfremdete). Oder jemand ist physisch präsent, aber psychisch abwesend (z.B. bei Demenz, Sucht, schwerer Depression). Der Begriff trifft aber auch kollektive Situationen: der Verlust einer Heimat, einer politischen Hoffnung, einer gemeinsamen Zukunftsvorstellung. Was Trauer bei ambiguous loss so schwer macht, ist genau das was fehlt: ein Moment, an dem man sagen könnte — hier hat es geendet
  • Disenfranchised Grief: Kenneth Doka, ein amerikanischer Gerontologe und Trauerbegleiter, beschreibt damit Trauer, die gesellschaftlich nicht anerkannt wird, also Trauer, die kein Recht bekommt, Trauer zu sein. Das betrifft Verluste, die nicht als "richtige" Verluste gelten: der Tod eines Ex-Partners, das Ende einer Freundschaft, der Verlust eines Jobs, eine Fehlgeburt, das Sterben eines Tieres. Oder Trauernde, denen die Trauerrolle nicht zugestanden wird: Kinder, Menschen mit Behinderung, Mitarbeitende, die "professionell" zu bleiben haben. Doka macht damit sichtbar, dass Trauer immer auch eine soziale Genehmigung braucht — und dass deren Verweigerung zusätzliches Leid erzeugt. Im Kontext kollektiver Trauer lässt sich fragen: Welche gesellschaftlichen Verluste werden überhaupt als Verlust benannt? Wer darf öffentlich um den Klimawandel, um demokratische Erosion, um das Ende einer politischen Ära trauern — ohne als übertrieben oder naiv zu gelten?
  • Grievability: Judith Butler entwickelte diesen Begriff im Kontext ihrer politischen Philosophie, vor allem in Precarious Life (2004) und Frames of War (2009). Grievability — auf Deutsch manchmal als "Betrauerbarkeit" übersetzt — bezeichnet die Frage, wessen Leben als betrauernswert gilt. Butler argumentiert, dass nicht alle Leben gleich als Leben anerkannt werden: Wessen Tod erzeugt öffentliche Trauer, Nachrufe, Gedenkminuten — und wessen nicht? Das ist keine private, sondern eine zutiefst politische Frage. Nicht betrauerbare Leben sind Leben, die im Rahmen des Öffentlichen nicht als vollwertig anerkannt wurden. Grievability ist damit eng verknüpft mit Prekarität, Sichtbarkeit und Macht. Für kollektive Trauer in Organisationen und der Zivilgesellschaft bedeutet das: Auch institutionelle Verluste — geschlossene Projekte, entlassene Teams, aufgegebene Missionen — haben eine Grievability-Frage: Wird dieser Verlust als Verlust behandelt, oder wird er verwaltet, optimiert und wegkommuniziert? 

Wie gut, dass wir ausreichend Zeit hatten, denn so konnten wir nach diesem spannenden Input mit anschließendem Gespräch eine Pause machen und hatten immer noch genügend Zeit uns der Praxis des Global Social Witnessing zu widmen. Global Social Witnessing setzt genau dort an, wo wir sonst gerne wegschauen, uns betäuben oder ablenken und weiterscrollen. Im Global Social Witnessing üben wir das gemeinsame Hinschauen und spüren, was es in uns auslöst, damit wir es benennen können, denn nur so können wir Antworten finden auf das, was uns schmerzt.

Was für mich in dieser Global Social Witnessing Session besonders deutlich wurde: “Was im Feld ist, zeigt sich.” Ich kann voll darauf vertrauen, dass das, was da ist, auch geäußert wird. Vielleicht ist das das Wesentlichste an dieser Praxis.

Eine Teilnehmerin sagte zu Beginn des Nachmittags offen, dass sie nicht so recht wisse, was sie mit "kollektiver Trauer" anfangen solle. Sie glaube daran irgendwie nicht. Was soll das eigentlich sein? Die Frage war nicht rhetorisch, sie war ehrlich, und sie stand vermutlich für mehr als eine Person im Raum.

Am Ende des Nachmittags sagte dieselbe Teilnehmerin, dass sie zwar nicht geglaubt habe, dass es funktioniert, dass es ihr jedoch sehr gut getan habe, sich mit Trauer zu befassen. Und jetzt müsse sie nicht mehr glauben, weil sie erfahren habe, was kollektive Trauer bedeutet.

Das ist mindestens eines der Ziele, die wir mit den SOCIUS laboren verfolgen: Ein Raum für Erfahrungen.