Vertrauen kultivieren

und was das Meer, ein Jurastudium und Aladin El-Mafaalani damit zu tun haben

Autor:in: Nicola Kriesel

Im Januar stand ich alleine am Atlantik in Portugal. Kein Programm, keine Agenda, kein Team. Und irgendwann — ich weiß nicht mehr genau wann — kam mir ein Lied von AnnenMayKantereit in den Sinn: „Drei Tage am Meer und ich weiß wieder wer ich bin.“ Ich wusste in diesem Moment: Genau das ist es. Das Meer bringt mich zurück zu mir. Und irgendwie auch zurück ins Vertrauen.

Worst-Case-Studium

Ich habe Jura studiert. Was ich dabei gelernt habe? Vor allem: was alles schiefgehen kann.

Jedes Gesetz, jeder Vertrag, jede Vereinbarung sind gedacht als Absicherung gegen den schlimmsten Fall. Man trainiert das Gehirn auf Risiko, auf Lücken, auf Versagen. Das ist nicht böse gemeint — es ist sogar sinnvoll für viele Situationen. Aber für mein Vertrauen in Menschen, in Institutionen, in mich selbst war es kein gutes Training. Das Worst-Case-Mindset kann aus Skepsis, Misstrauen machen — und aus Vorsicht Lähmung.

Aladin El-Mafaalani beschreibt in „Misstrauensgemeinschaften“ sehr präzise, was passiert, wenn Misstrauen nicht mehr funktional ist, sondern zur Grundhaltung wird: Menschen verbünden sich nicht mehr durch geteilte Werte oder Ziele, sondern durch geteiltes Misstrauen. Sie finden Halt nicht in Kompetenz oder Erfahrung — sondern darin, gemeinsam an allem zu zweifeln. Das ist demokratiegefährdend. Aber es beginnt, so würde ich ergänzen, viel früher. In Ausbildungen. In Organisationsstrukturen. In uns.

Das Dreieck des Vertrauens

Im April haben Andi Knoth und Lysan Escher zu einem Labor zum Thema „Kultivierung von Vertrauen“ eingeladen. Der konzeptionelle Rahmen war ein Dreieck aus drei Dimensionen:

Selbstvertrauen & Urvertrauen — die innere Basis. Banduras Selbstwirksamkeit, Eriksons psychosoziale Entwicklungsphasen. Die Frage: Was trägt mich, auch wenn es keine Gewissheit gibt?

Vertrauen & Zutrauen ins Gegenüber — der dynamische Raum zwischen Menschen. Vertrauen als Prozess, nicht als Zustand. Und Vertrauensvorschuss als Entscheidung, nicht als Naivität.

Systemvertrauen — Vertrauen in Spielregeln, Strukturen, Institutionen. Luhmanns Komplexitätsreduktion: Ohne das können wir morgens kaum aufstehen, geschweige denn in selbstorganisierten Teams arbeiten.

Brené Brown hat es so formuliert: „We need to trust to be vulnerable — and we need to be vulnerable in order to build trust.“ Das Henne-Ei-Problem des Vertrauens.

Eine Übung und mein Unbehagen

Im Labor gab es eine Übung, die mich noch heute beschäftigt.

Drei Personen mit einer Aufgabe: überlegt gemeinsam, was ihr in den fünf Minuten nach Ende der Veranstaltung zusammen macht — und committet euch dazu. Aber: nur eine Person alleine entscheidet, was wirklich von allen drei gemacht werden wird. Wer diese Person mit der Entscheidungsmacht ist, entscheidet der von den Referent*innen ersonnene Algorithmus.

Ich war diese Person, die entscheidet. Die anderen mussten laut Übung folgen. 

Ich bin nicht entscheidungsschwach. Ich kann Orientierung geben, vorangehen, Verabredungen auch durchsetzen. Aber in diesem Moment fand ich es schlicht absurd: Ich war die Älteste in der Gruppe, ich war in meinem Arbeitszuhause bei SOCIUS — also ohnehin mit hohem Rang ausgestattet. Und jetzt sollte ich darüber entscheiden, was zwei mir fast unbekannte Menschen tun?

Meine Entscheidung war: „Jede*r macht, was si*er will und ihr*m gut tut.“. Und fügte das was wir vorher besprochen hatten, quasi als möglichen Appendix hinzu. Andi kommentierte trocken: „Das ist ein bisschen gemogelt.“

Er hatte nicht Unrecht. Die Übung hat für mich etwas Wichtiges wirklich spürbar werden lassen: Macht ohne Beziehung, ohne gewachsenes Vertrauen, ohne gemeinsamen Kontext — das fühlt sich nicht nach Führung an. Das fühlt sich willkürlich an. Für mich und vermutlich auch für die anderen beiden.

Vertrauen entsteht nicht durch Zuweisung. Es wächst — mit Wolfgang Looss gesprochen — mit Vereinbarungen, die eingehalten werden. Mit Zeit. Mit Verletzlichkeit. Mit Mut.

Misstrauensgemeinschaften — die andere Form von Vertrauen

Aladin El-Mafaalanis Buch verstehe ich — ich habe es als Hörbuch gehört — als Gesellschaftsdiagnose, die mich auch persönlich beschäftigt. Der Soziologe beschreibt, wie in den letzten Jahren Gemeinschaften entstanden sind, die nicht durch geteilte Werte zusammengehalten werden, sondern durch geteiltes Misstrauen. Wer dazugehört, braucht keine Kompetenz, keine Erfahrung, keine gemeinsame Vision — es reicht, dass man denselben Institutionen, denselben Expert*innen, demselben „System“ misstraut. Das Misstrauen selbst wird zum sozialen Klebstoff. Dabei ist Misstrauen nicht per se schlecht — auch das betont El-Mafaalani ausdrücklich. Funktionales Misstrauen ist notwendig. Es schützt. Es hinterfragt. Es hält Systeme in Bewegung.

Ich kenne das aus meiner eigenen Biografie. Ich habe Anfang der 90er in Göttingen Jura studiert, bin systemkritisch, feministisch, links. Meine Kinder sind auf Freie Alternativschulen gegangen, weil wir das staatliche Regelschulsystem mit Benotungen, wenig Bewegung für die Kinder,  starker Einschränkung von Selbstbestimmung und in der Folge jeder Menge Familienstress mit Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Bewertungsdruck nicht für vertrauenswürdig genug hielten. Wir waren jahrelang als Familie in heilpraktischer Behandlung. Und gleichzeitig: Die Kinder sind geimpft, regelmäßig zur Kinderärztin gegangen, und ich laufe heute – im übertragenen Sinne – mit dem Grundgesetz unterm Arm rum und poche auf Artikel 3 und andere Grund- und Menschenrechte.

Ist das ein Widerspruch — oder differenziertes Misstrauen? Meine Kritik am System war immer: Es schützt nicht genug. Nicht die Frauen, nicht die Kinder, nicht die Marginalisierten. Es stützt Strukturen, die Schwächere ausbeuten. Ich behaupte: Mein Misstrauen, ist auf  etwas hin orientiert — auf mehr Gerechtigkeit, mehr Teilhabe, mehr Schutz.

Was El-Mafaalani beschreibt, ist etwas anderes. Der Kipppunkt kommt, wenn Misstrauen nicht mehr auf etwas hinweist, sondern nur noch gegen etwas. Wenn es keinen gemeinsamen Horizont mehr gibt außer dem gemeinsamen Feind. Wenn Expertise pauschal abgelehnt wird — nicht weil Wissenschaft zu wenig schützt, sondern weil Schutz selbst als Kontrolle umgedeutet wird. Wenn aus „Der Staat versagt“ wird: „Der Staat ist grundsätzlich mein Feind.“

Adorno hat gesagt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Das ist kein Aufruf zur Lähmung — es ist ein Aufruf zur Wachheit. Und Wachheit braucht Unterscheidungsvermögen: zwischen funktionalem Misstrauen, das Demokratie stärkt, und destruktivem Misstrauen, das sie aushöhlt.

Was folgt daraus für selbstorganisierte Teams? Vertrauen muss kultiviert werden — aktiv, bewusst, strukturell. Es reicht nicht, Hierarchien abzubauen und zu hoffen, dass Vertrauen von selbst entsteht. Selbstorganisation braucht das Dreieck: 

  • Menschen, die sich selbst vertrauen. 
  • Strukturen, die Verlässlichkeit erzeugen.
  • Und die Bereitschaft, Zutrauen zu schenken — auch wenn es kein Worst-Case-Netz darunter gibt.

 

Und dann war da noch die Ostsee

Eine Woche nach dem Labor bin ich wieder ans Meer gefahren. Ostsee statt Atlantik. Aber: Meer ist Meer. Drei Tage. Und ich wusste wieder, wer ich bin. Vertrauen kultivieren beginnt vielleicht genau dort: in dem, was uns zurückbringt zu uns selbst. Bevor wir anderen vertrauen können, bevor wir Systemen vertrauen können — müssen wir uns selbst wieder erkennen. Das ist keine esoterische These. Das ist, was Erikson meinte. Was Bandura meinte. Was Brené Brown meinte.

Und was ich am Meer spüre.