Im April haben wir euch gefragt, wie ihr die aktuelle Lage in euren Organisationen erlebt. Nicht oberflächlich, nicht diplomatisch – sondern ehrlich. 16 Teams aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich haben geantwortet.
Wir hatten sechs Fragen gestellt: zur Belastung im Team, zur psychologischen Sicherheit, zur Finanzlage, zu Personal, zu Netzwerken – und am Ende eine offene Frage nach den Dilemmata und Paradoxien, die euch wirklich umtreiben.
Hier sind die Ergebnisse – so klar wie sie sind.
Erschöpfung und Haltung: beides gleichzeitig
Fast zwei Drittel der Befragten (67%) beschreiben, dass die administrative Bewältigung der Kürzungen alle Kapazitäten frisst. Für die eigentliche inhaltliche Arbeit bleibt kaum noch Raum. Gleichzeitig sagt mehr als die Hälfte: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Diese Gleichzeitigkeit – Erschöpfung und Widerstandskraft – ist das vielleicht auffälligste Muster in den Antworten.
Daneben berichten 47% von einer Sinnkrise: Wenn Strukturen wegbrechen, fällt es schwer, den Blick für das Warum der eigenen Arbeit zu behalten. 27% erleben Schockstarre oder Motivationsverlust, weitere 27% berichten von internen Spannungen durch den Verteilungsdruck.
Was wird gebraucht, um handlungsfähig zu bleiben
Die Frage nach psychologischer Sicherheit hat uns besonders interessiert, weil die Menschen und ihre Erfahrungswelten gerade in diesen Zeiten von Druck, mehr in den Fokus gebracht werden sollten.
Zwei Drittel der Befragten wünschen sich vor allem Unterstützung bei der Entwicklung eines Zukunftsnarrativs: Wie bleiben wir handlungsfähig, auch wenn die Strukturen wackeln? Was ist unser Bild von uns selbst, wenn das bisherige Fundament nicht mehr trägt?
Gut die Hälfte braucht außerdem moderierte Entlastungsräume – also Formate, in denen Ängste ausgesprochen werden können, ohne das operative Geschäft zu blockieren. Und fast ebenso viele wünschen sich mehr Rollensicherheit: Wer trägt in der Krise welche Verantwortung?
Die Finanzlage: angespannt, mit Handlungswillen
73% sind aktiv auf der Suche nach neuen Finanzierungsquellen. Das zeigt: Die meisten Organisationen sitzen nicht still – sie suchen Wege und Alternativen. Gleichzeitig: 40% geben an, noch über ausreichende Rücklagen zu verfügen, um Kürzungen kurzfristig abfedern zu können. Für ein Drittel fehlt es intern an Klarheit über die tatsächliche finanzielle Lage. Und für 33% zwingt der Liquiditätsdruck bereits jetzt zu Ad-hoc-Entscheidungen ohne strategische Basis.
Personal: gemeinsam Lösungen finden, damit viele bleiben können
Die Hälfte der Organisationen versucht, Personalabbau durch Aufgabenreduktion zu vermeiden. Das ist ein klares Signal: Die Bindung an die eigenen Mitarbeitenden ist stark – und wird bewusst priorisiert.
Gleichzeitig beobachten 38%, dass Kolleg*innen die Organisation proaktiv verlassen – aus Angst vor der Instabilität, nicht weil sie nicht mehr dort arbeiten wollen. Das ist ein stiller, schleichender Verlust. Einer, der in Bilanzen nicht auftaucht, aber in der Arbeitskultur tiefe Spuren hinterlässt.
23% stehen vor der Situation, sich strukturell von Stellen trennen zu müssen, und brauchen Begleitung für diesen schmerzhaften Prozess. 31% suchen Unterstützung bei den rechtlichen Fragen rund um Arbeitsrecht und Abfindungen.
Netzwerke: Solidarität und Konkurrenz unter einem Dach
63% sind bereit zum Ressourcen-Pooling – Infrastruktur, Back-Office, IT, Räume mit anderen teilen, um Kosten zu senken. Genauso viele (63%) sehen Netzwerke primär als politische Allianzkraft: eine starke gemeinsame Stimme gegenüber den Geldgebenden.
57% sind am Aufbau solidarischer Strukturen interessiert. Und 38% beschreiben, dass der Kampf um verbleibende Mittel die bisherige Zusammenarbeit spürbar belastet.
Solidarität und Konkurrenz existieren nebeneinander. Das ist kein Widerspruch – das ist die Realität eines Sektors unter Druck. Und es ist wichtig, das offen auszusprechen, bevor es still zur Spaltung führt.
Was uns besonders bewegt: die offenen Worte
Fünf Personen haben auf die freie Frage nach Dilemmata und Paradoxien geantwortet. Wir zitieren hier zwei davon – weil sie stellvertretend für vieles stehen, was hinter den Zahlen liegt:
„Die größte Belastung ist die Unklarheit und dadurch die Schwierigkeit zu planen, nicht mal mittelfristig. Und der Verlust von guten Leuten.“
„Der Druck wird in meinem Umfeld ganz klar von oben nach unten durchgereicht. Mitarbeitende sollen mehr leisten, sich darüber nicht beklagen und noch Zeit für den Vorgesetzten erübrigen, am besten ad hoc. Zeit für die Planung oder Reflexion der eigenen Arbeit gibt es nicht mehr. Eigentlich auch nicht mehr für einen Austausch im Team.“
Das sind keine Randnotizen. Da wird etwas zum Ausdruck gebracht, dass wir in der Pandemie schon beobachten konnten: In der Krise wird autoritärer geführt, Hierarchien und Effizienz sollen Orientierung und Sicherheit bieten. Ob das wirklich so sein muss, stellen wir gerne in Fragen.
Was wir daraus mitnehmen
Diese Umfrage ist kein repräsentatives Sample – sie ist ein ehrlicher Spiegel. Und was uns dieser Spiegel zeigt: Die Organisationen im zivilgesellschaftlichen Bereich brauchen keine weiteren Optimierungs-Frameworks. Sie brauchen Räume, um Luft zu holen. Klarheit darüber, wer was trägt. Narrative, die trotz Bedrohung Handlungsfähigkeit ermöglichen. Und Netzwerke, die wirklich tragen, weil es jetzt darauf ankommt.
Wir im Team von SOCIUS haben diese Umfrage gestartet, um passende Angebote für euch zu entwickeln. Ein erstes findet am 4. Juni in Berlin statt mit dem SOCIUS labor von Nathalie Rajević und Nicola Kriesel “Trauer braucht einen Ort – Ein Labor über kollektive Trauer, gebrochene Versprechen und das, was unter der Wut liegt”. Der SOCIUS brief im Juni wird weitere Angebote über den Sommer enthalten.
Wenn ihr konkrete Wünsche an uns habt zu einem speziellen Thema, lasst es uns gerne wissen!
Die Umfrage lief vom 19. April bis 16. Mai 2026 und wurde von 16 Personen aus zivilgesellschaftlichen Organisationen beantwortet.



