Was können wir aus dem Tanz über Beratung, Führung und Transformation lernen?
Diese Frage begleitet mich schon lange. Und auch die Gegenfrage: Was können Tanzschaffende über Organisationsstruktur und -kultur lernen? Im September 2026 haben ich und Lysan das erste Mal öffentlich einen Raum geschaffen, um genau das zu erforschen. Dieser Artikel ist kein abgeschlossenes Ergebnis, sondern eine Reflexion auf dem Weg.
Zeitgenössischer Tanz, was ist das und darf ich da mitmachen?
Die Frage kommt häufig, wenn ich sage, dass ich im zeitgenössischen Tanz viel über Organisationsentwicklung lerne. Vereinfacht beschreibe ich es so: Viele kennen Tanz als Paartanz, Ballett oder Show. Dabei geht es um das Beherrschen von Rhythmus und festgelegten Schrittfolgen oder die Überwindung des Körpers und der Schwerkraft, was das Publikum bewundert. Die Form steht an erster Stelle, in die sich der Körper einfügt. In der Gruppe sollen alle möglichst gleich agieren. Das Individuum kommt nicht vor, oder ist dem Star vorbehalten.
Beim zeitgenössischen Tanz ist es umgekehrt. Der Körper steht an erster Stelle, aus ihm ergibt sich die Form. Er arbeitet nicht gegen, sondern mit der Schwerkraft. Bewegung soll authentisch sein und eine Geschichte erzählen, was das Publikum aus dem eigenen Erleben wiedererkennt und berührt. In der Gruppe geht es um Verbindung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft von Individuen.
Für mich liegt zeitgenössischer Tanz damit sehr nah an den Prinzipien von Demokratie und Regeneration, die wir als Gruppen auch in Organisationen kulturell und strukturell suchen oder praktizieren. Obwohl Tanz und Organisationsberatung gemeinhin als zwei verschiedene Felder gesehen werden, spüre ich dienliche Schnittmengen und Verbindungen. Wo liegen sie konkret? Und wo muss die Grenze gewahrt werden?
Also ja, bei diesem Forschungsraum kann jede Person mitmachen, die Neugier auf das Thema mitbringt. Alle Level und alle Körper sind willkommen.
Das Labor zum Erforschen tänzerischer Methoden
Üblicherweise beginne ich in Seminaren mit den Themen der Teilnehmenden, um sie mit einer Methode in der Tiefe zu erforschen. Diesmal drehe ich die Logik um. Wir probieren Ansätze, die mir aus der tänzerischen Arbeit vertraut sind, und erforschen, welche Themen aus dem Bereich der Organisationsentwicklung darin auftauchen. Das Labor widmet sich dabei in drei Teilen dem Individuum und der Gruppe.
Teil 1: Prinzipien und Regeln schaffen eine kulturelle Praxis
In jedem Seminar eröffne ich den Raum durch ein paar Regeln, die für die gemeinsame Zeit verabredet und eigentlich selbstverständlich sind, aber unterbewusst immer wieder verhandelt werden. Sie sind eine Einladung, geben Orientierung und Sicherheit.
Bei diesem Labor benenne ich das erste Mal Prinzipien, die tänzerisch für mich selbstverständlich sind, und setze sie an den Anfang. Darunter sind folgende:
- Give and Receive: Jede Person gibt etwas von sich und nimmt von den anderen auf. Wir dürfen einander anschauen. Wir dürfen uns gegenseitig kopieren. So wie z.B. die Person neben mir den Arm schwingt, will ich das auch probieren. Dann tu es und wandle es dabei ab, wie du willst.
- Wohlwollender Umgang mit Grenzen und Widerstand: Jede (tanzende) Person kennt es: Die angeleitete Übung macht keinen Spaß oder stresst. Sie ist peinlich, langweilig, kompliziert oder was auch immer. Nimm das wahr und ernst. Entwickle Strategien und triff eine Entscheidung, wie du sie für dich in einen stimmigen Rahmen überträgst. Du kannst z.B. nur einen Teil davon machen, etwas für dich hinzufügen, den Fokus verschieben, oder dich für einen Moment rausnehmen und erneut einsteigen, sobald der Impuls aufkommt.
- Zeitgenössischer Tanz nutzt drei Ebenen: Räume sind durch angemessene Bewegungen codiert. Auf der Wiese darf ich liegen, im Bus sitzen und stehen, in der Runde die Hand heben. In manchen Organisationen wird nur am Tisch gesprochen, in anderen sitzen alle am Boden im Kreis. Und im Tanzraum nutzen wir gewöhnlich drei Ebenen: die tiefe nah am Boden, die mittlere und die hohe. Manche werden sofort am Boden liegen, manche haben das vielleicht noch nie gemacht. Probiere aus, welche Codes du kennst und welche du neu ausprobieren willst.
- Enjoy the effort. And have fun. 🙂
Im Warm-Up mit einfachen Bewegungen wie Schütteln oder weichen Gelenken probieren wir das direkt aus. Und ernten erste kraftvolle Erfahrungen, die uns später noch begleiten werden, wie
„Ich war nur für mich und wollte nur für mich sein - dachte ich. Aber ich war auch inspiriert von den Dingen um mich herum. Das war Give & Receive in ganz klein.“
„Als ich zwei andere Personen am Boden sah, habe ich mir das selbst auch erlaubt.“
„Es gab den kurzen Moment, als ich mich geschämt habe. Das, was ich tue, kann gesehen werden. Ich werde gesehen und sehe andere. Wie oft habe ich das wie einen Reflex im Alltag. Hier konnte ich das bewusst wahrnehmen und auflösen.“
„Ich konnte meinen Weg gehen, so wie alle ihren Weg gehen. Das war für mich Empowerment.“
Diese wundervollen Sätze bestärken meine eigene Erfahrung: Was wir körperlich üben, verändert, wie wir in Gruppen denken, entscheiden und handeln. Es zeigt, wie wichtig diese Erfahrungsräume sind. Wodurch lassen sich diese Prinzipien auch ohne externe tänzerische Praxis in Organisationen verankern?
Teil 2: Der Schwarm hat eine choreografische Leitung
Beim Schwarm läuft die Gruppe gemeinsam durch den Raum in eine Richtung. Die vorderste Person führt, bis sie sich dreht und damit eine neue Person vorn ist. Um das Bild interessanter zu gestalten, fügen wir zwei weitere Elemente hinzu. Zuerst eine Geste, die die vordere Person einbringt und alle anderen kopieren. Weiterhin darf eine hintere Person eine gegensätzliche Bewegung machen, was das Bild und die Erzählung plötzlich viel reicher macht.
In der anschließenden Reflexion kommen verschiedene Ebenen zur Sprache:
- Strukturvorgaben und deren Umsetzung: Es ist wichtig, eng beieinander zu bleiben und wie eine Membran nach außen zu bilden. Wie funktioniert der Richtungswechsel? In welchem Moment wechselt die Führung genau? Welche Varianten in der Übergabe gibt es - von sprunghaft direkt bis langsam gebend?
- Strategien als Team und gemeinsame Kultur: Alle tragen die Verantwortung, dass es funktioniert. Wie spielerisch gehen wir dabei um, fluide und trotzdem klar sein? Wie gehen wir mit Nähe und Distanz um?
- Persönliche Strategien: Wie geht es mir, wenn ich vorn bin? Wie kann ich schnell zwischen den Rollen wechseln? Bringe ich eigene Impulse ein?
Der Austausch thematisiert Führung in Selbstorganisation: Wer übernimmt, wie übergeben wir, wie klar sind unsere Signale? Aus meiner Perspektive ergänze ich, was die Gruppe anscheinend nicht bemerkt hat: Es gab eine Meta-Führung. Von außen sah ich, was das Bild braucht bzw. wie ich es haben wollte, und machte sehr direkte Ansagen: „Ihr lauft zu breit, bleibt enger zusammen." „Seid klar in euren Entscheidungen, damit die anderen wissen, was ihr tut." Das war die choreografische Leitung. Sie ist direkt, verfolgt eine Intention, sieht die Gruppe von außen und ist in ständiger Rückkopplung mit ihr. Eine Rolle, die wir auch in der Beratung von Organisationen einnehmen können.
Teil 3: Das Unisono als grobes Regelwerk
Beim Unisono bewegen sich alle gleich und die Struktur ist vorgegeben, auch wenn im zeitgenössischen Sinne jeder Körper sie auf eigene Weise ausführt. Unisono bedeutet, in eine starke Verbindung zu gehen. Allerdings braucht das auch gutes Training und Übung. In kurzer Zeit lernen wir eine Bewegungssequenz, Material aus einem echten Tanzstück.
In der Reflexion geht es um Fragen, die ebenso in Organisationen auftauchen: Wie übergeben wir die Information einer bestehenden Struktur im täglichen Tun? Wie gehe ich damit um, wenn ich etwas nicht verstehe? Wie viel Rahmen braucht es, damit individuelle Freiheit möglich ist?
Außerdem kommen die Prinzipien aus Teil 1 zum Einsatz. Wer hat auf welche zurückgegriffen? Und würden sie uns auch im kulturellen Alltag von Organisationen gut tun?
Wie können wir tänzerische Ansätze nutzen
In meiner bisherigen Praxis der Begleitung und Beratung von Organisationen nutze ich verschiedene Ansätze aus der tänzerischen Arbeit, die sich im Laufe des Labors um eine weitere ergänzt haben:
- Als demokratische Grunderfahrung, Teil der Gruppe zu sein und dennoch man selbst zu bleiben.
- Als Erfahrungs- und Forschungsraum für die persönliche und kulturelle Verankerung.
- Zur Einbeziehung von Körperwissen, sich selbst und die anderen wahrzunehmen, und der Fähigkeit, Impulsen zu folgen.
- Als Mikro-Element, um Stimmungen zu erzeugen und Übergänge lebendig zu gestalten.
- Als Perspektive auf Gruppendynamiken, um Prozesse choreografisch zu lesen und ihnen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.
- Als choreografische Leitung, mit eigener Intention, einem Blick von außen, und in ständiger Rückkopplung mit und Aufmerksamkeit für die Gruppe.
Ausblick
Für viele der Anwesenden war das Labor ein erster Impuls in dieser Richtung zu forschen und es gibt den Wunsch, diesem Weg weiter zu folgen. Das zweite Labor zu „Organisationen in Bewegung" findet am 5. März 2027, 14 bis 18 Uhr, statt. Wir wollen tiefer in die choreografische Leitung einsteigen und erforschen, was diese Rolle in Beratung und Führung bedeuten kann.
Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen!
Wir freuen uns auf bekannte wie neue Gesichter in der Runde!
Lysan Escher und Wera Stein



