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SOCIUS.Blog

Die Bindungstheorie ist eine der am meisten erforschten psychologischen Theorien. Sie erklärt, wie wir als soziale Wesen miteinander in Kontakt und Beziehung treten – auf der Basis dessen, wie wir -meist in frühester Kindheit – Sicherheit erlebt haben in unseren engen emotionalen Beziehungen. In der Arbeit mit Kleinkindern gehören Erkenntnisse aus der Bindungsforschung zum Standard. In ihrer Relevanz für die Zusammenarbeit von Menschen in Organisationen hat sie bisher wenig Anwendung und Aufmerksamkeit erhalten. So lädt uns die Organisationspsychologin Bea Schramm am Nachmittag des 17. Juni ein, eben diese Zusammenhänge gemeinsam zu erforschen.

Die meisten der Teilnehmenden dieses SOCIUS labor haben sich bereits in persönlichen Kontexten mit der Bindungstheorie auseinandergesetzt und sind neugierig, wie die Übertragung auf Arbeitskontexte aussehen könnte und wie wir in unseren unterschiedlichen Rollen als Supervisor:innen oder Projektleiter:innen auch andere für die Wirkmächtigkeit dieser frühen Beziehungserfahrungen in unserem Handeln als Erwachsene sensibilisieren können.

Die Bindungstheorie, die ab den späten 40er Jahren vor allem von dem britischen Psychiater und Analytiker John Bowlby begründet und bis in die Gegenwart kontinuierlich weiterentwickelt wird, geht davon aus, dass Kinder ein angeborenes Bedürfnis haben, enge emotionale Beziehungen mit ihren Bezugspersonen einzugehen. Die Verlässlichkeit dieser Beziehung, in Situationen von Stress, Trennung und Angst Schutz und Trost zu finden, prägen grundlegende Bindungsmuster, die sich in unterschiedlichem Bindungsverhalten, aber auch in biochemischen Reaktionen, wie zum Beispiel dem Cortisolspiegel im Körper, ausdrücken. Für die Entwicklung einer sicheren Bindung ist es nötig, dass die jeweilige Bindungsperson, die Signale des Kindes wahrnimmt, richtig interpretiert und angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert.

Forschungsgeschichte und Referenzen

John Bowlby gilt als der Vater der Bindungsforschung. Er übernahm in den 40er Jahren die Abteilung „Kinder und Eltern an der Tavistock Clinic in London und legte die theoretischen Grundlagen. Vor allem Mary Ainsworth, aber auch James Robertson reicherten die Theorie in den folgenden Jahrzehnten mit vielfältigen empirischen Forschungen zur Eltern-Kind Bindung an. Unter anderem führten sie auch Studien in Uganda durch und ließen sich von der Primatenforschung und den Forschungen von Konrad Lorenz inspirieren. Bowlby und Ainsworth entwickelten die Bindungsforschung bis in die späten 70er und frühen 80er Jahren hinein. Mit der Entwicklung der adult attachment interviews in den 80er Jahren lassen sich Bindungsstile bei Erwachsenen diagnostizieren. Seit den 90er Jahren wird die Bindungsforschung kontinuierlich weiterentwickelt und mündete in der Entwicklung der Bindungstherapie. Im deutschsprachigen Raum sind Hanus und Mechthild Papoušek sowie Karl Heinz Brisch an der Universität München und Karin und Klaus Grossmann an der Universität Regensburg führende Vertreter:innen. Diese führten z.T. Langzeitforschungen von der Geburt bis zum 22. Lebensjahr durch. Neuere Forschungsschwerpunkte erkunden die Übertragbarkeit der Bindungsforschung auf den schulischen Kontext oder das Verhältnis zwischen Mensch und Tier (z.B. Kurz Kotrschla).

Bei Kindern werden die folgenden vier Bindungstypen mit jeweils unterschiedlichen Verhaltens- und Reaktionsmustern in Stresssituationen unterschieden:

Bindungsstil

Bindungsverhalten

Sichere Bindung

Angemessener Umgang mit Stresssituationen: Gefühlen von Angst oder Stress wird nachvollziehbar Ausdruck verliehen, steigender Cortisolspiegel, bei gutem Kontakt mit Bezugsperson schnelle Beruhigung, Ausschüttung von Oxytozin und Abbau von Cortisol

Unsicher-vermeidende Bindung

Keine offen zur Schau gestellten Gefühle, Pseudo-Unabhängigkeit und Kontaktvermeidung mit Bezugsperson als Stress Kompensation, langanhaltend hoher Cortisolspiegel

Unsicher-ambivalente Bindung

Widersprüchliches Handeln gegenüber Bezugsperson, Hin- und Hergerissenheit zwischen Nähe und Distanz, anhänglich, aber sehr schwer zu beruhigen, über Stunden erhöhter Cortisolspiegel

Desorganisierte Bindung

Fehlen von Strategien des Umgangs mit Stresssituationen, Bezugspersonen zumeist als Quelle von Angst erlebt. Reaktionen: Emotionslosigkeit, Erstarrung, Lähmung oder Schaukeln und im Kreise drehen; dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel.

Die Forschung zeigt, dass Bindungsstile zu großen Teilen in den ersten zwei Lebensjahren geprägt werden. Hier formt sich unser Abbild, sogenannte inner working models, mit welchen Erwartungen und Reaktionsmustern wir uns in zwischenmenschliche Beziehungen begeben, sozusagen auf der Suche nach Bestätigung unserer erlernten Grundannahmen. Inzwischen ist auch die transgenerationale Wirkung von Bindungsstilen gut untersucht: In 50% der untersuchten Fälle gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Bindungsstil der Großmutter und eigenen Bindungsmustern.

An dieser Stelle macht sich eine deutliche Schwere bemerkbar im virtuellen Labor-Raum und die Teilnehmenden fragen sich: Sind wir wirklich so vollständig determiniert in unserem Bindungsstil und -vermögen und der eigenen Geschichte sowie der unserer wichtigsten Bezugspersonen gegenüber ausgeliefert? Oder ist hier auch ein Nachheilen und Nachlernen möglich? Die Bindungstherapie geht davon aus, dass die erworbenen Bindungsmuster, die auch mit Strukturveränderungen im Gehirn einhergehen, möglich sind durch neue verlässliche Bindungserfahrungen, aber in der Regel unter großem Aufwand. Bea bietet uns an dieser Stelle ein anderes Bild an: Wir können auch aktiv und selbstverantwortlich das Skript unseres Lebens um dasjenige, das uns biographisch mit auf den Weg gegeben ist, herum schreiben. Statt gegen die eigenen Muster anzukämpfen, können wir uns die Frage stellen: „Wofür ist mein Bindungsstil gut, wann ist er hilfreich und wo schafft er eher Schwierigkeiten? Und wie kann ich mit dem, was ist, bestmöglich umgehen?“. Das Verständnis für die Ursachen von Bindungsschwierigkeiten, kann für uns selbst, aber auch für andere entlastend sein.

Genau diese Einsicht ist es, die dann den Übergang bildet zu der Diskussion über beobachtbares Bindungsverhalten im Arbeitskontext. Wir tragen typische Eigenschaften der unterschiedlichen Bindungstypen zusammen: So zeigen unsicher-vermeidende Bindungstypen im Arbeitskontext zumeist einen hohen Grad an Autonomie, fragen seltener nach, wenn es Unklarheiten gibt. Sie können sich zuweilen kratzbürstig, abweisend oder aufmüpfig geben. Der unsicher-ambivalente Bindungstyp hingegen zeigt sich oft ängstlich und unsicher, fordert viel Aufmerksamkeit und Kommunikation ein, um mit eigenen Unsicherheiten umzugehen.

Den Perspektivwechsel wagen wir nun gleich zweifach. Zunächst die Frage: Was macht andererseits diese Bindungsstile besonders wertvoll in Teams? Die autonomen Vermeider:innen erweisen sich wiederum in Krisensituation als handlungsfähig, während die ambivalenten Unsicheren oft zu wichtigen Resonanzkörpern und Seismographen in Organisationen werden, die sensibel auf Veränderungen und Gefahren reagieren. Und in einem nächsten Schritt versuchen wir, in kleinen Rollenspielen in unterschiedliche Bindungstypen hineinzuschlüpfen -wie fühlt es sich an, mit so einer Brille auf die Welt zu schauen? Das Fazit der Teilnehmenden: Es ist gar nicht einfach, sich in eine Rolle mit abweichendem Bindungsstil zu begeben, aber es hat definitiv für mehr Empathie gesorgt, denn unsichere Bindungsmuster sind in erster Linie ganz schön anstrengend!

Die Ernüchterung der Einstiegsphase hat sich am Ende des Labors verflüchtigt. Der Blick ist stattdessen gerichtet auf unterschiedliche Möglichkeiten eines stärkenorientierten Umgangs mit verschiedenen Bindungsstilen in Teams; und auf die Chance, welche die Bindungstheorie bietet als Orientierung und Folie für Teamentwicklung.

 

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