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SOCIUS.Blog

Was bringt die Zukunft?

Welche Zukunft wünschen wir uns? Und was können wir tun, um dahin zu kommen?

Wie die Faust aufs Auge passte das schon länger geplante Labor von Lino Zeddies. Ohne eine Ahnung von Corona & co zu haben, hatten wir zu Beginn des Jahres ein Thema ins Auge gefasst, dass mit den dann kommenden Veränderungen der grassierenden Pandemie umso mehr an Relevanz gewann. Seit dem 2. Weltkrieg habe es keine so gravierenden Eingriffe in das öffentliche und private Leben mehr gegeben, schreiben die Zeitungen zu den Maßnahmen. Immer deutlicher zeigt sich, dass damit auch langfristige Veränderungen einhergehen, die wir jetzt noch nicht absehen können. Doch wir können vermuten, ahnen und vor allem: gestalten.

Die weitgreifenden Veränderungspotentiale einer Krise sind gewaltig, schreibt Matthias Horx, Zukunftsforscher, in seinem Buch des Wandels. Doch es gibt immer zwei Richtungen, in die wir gehen können: Regression oder Evolution. Weiter schreibt er „Krise bedeutet einen besonderen Energieaufwand, in dem die Variabilität des Organismus erhöht wird. In größeren Krisen müssen wir uns ‚verpuppen‘, um uns von allzu vielen Außenreizen abzuschirmen.“ (Horx 2011, 120).

Derzeit ist ein Fenster geöffnet um kurzfristige Veränderungen zu testen und in Folge ggf. zu verstetigen. Das gilt sowohl für positiv-utopische Schritte als auch für negativ-dystopische. Doch auch nach der Krisenzeit werden sich Umstände verändert haben und neue Möglichkeiten eröffnen. Ist es da nicht klug, sich jetzt darüber Gedanken zu machen, was auf uns zukommen könnte, welche Chancen sich uns eröffnen und diese zu ergreifen? Wir alle schaffen gesellschaftliche Realität, wenn wir beginnen, Updates von etwas Altem vorzunehmen und Neues zu verwirklichen. Das gelingt uns umso besser, je klarer wir eine Vision einer anzustrebenden Zukunft mit den Chancen der Gegenwart verknüpfen.

Die Zukunft unserer Arbeit unter Laborbedingungen

In Lino Zeddies’ SOCIUS online labor beschäftigten wir uns konkret mit den Möglichkeiten neuer Arbeits- und Organisationsformen. Mit 12 Teilnehmenden im online space gingen wir den Fragen nach, welche Corona-induzierten Veränderungen wir bisher beobachten, welche Utopie unserer eigenen Arbeit wir eigentlich haben, in welche Richtungen sich die derzeitigen Veränderungen (nicht nur die Corona-induzierten) weiterentwickeln könnten und welche Trends wir beobachten. Dabei schauten wir auch explizit auf die schönsten aller Möglichkeiten und auf die wirklich verstörendsten Szenarien.

Gemäß dem Motto „Die Zukunft der Arbeit“ veranstalteten wir passend das erste online-Labor (in dem Fall natürlich den derzeitigen Beschränkungen geschuldet) aus einer Verbindung aus Konferenzsoftware und digitalem Whiteboard.

Zu Beginn unseres Austausches haben wir uns über die Auswirkungen der aktuellen Situation bezogen auf unsere Arbeit unterhalten: Dabei wurden die neuen Möglichkeiten der online-Kommunikation positiv wahrgenommen, etwa durch die freie Gestaltung des Arbeitsortes und verbundenen Naturerlebnissen, und ebenso der erhöhten Reichweite (einige Teilnehmerinnen hätten sonst gar nicht an unserem Labor teilnehmen können). Auf der anderen Seite wurden schwierige Zugänglichkeit mancher Berufsgruppen, erschwerte Konfliktbearbeitung und die Anstrengungen durch die vielen online-Calls als schwierige Begleiterscheinungen aufgezählt.

Als Beraterkollegen und Freund von SOCIUS luden wir Lino Zeddies ein, das Labor für uns zu gestalten. Dabei ist Beratung allerdings nur ein kleiner Teil der Vielfältigkeit seines Wirkens. Als studierter Ökonom hat er sich viel mit alternativen Wirtschaftsmodellen beschäftigt und hält Vorträge und Workshops zum Thema Geld und der Finanzwirtschaft. Ebenso hat er sich mit Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und dadurch mitunter als Heilpraktiker und Coach gearbeitet. Unabhängig vom Thema, mit dem er sich beschäftigt, fallen bei Lino immer wieder die gleichen Querschnittsfragen: Wie könnte es in 20, 30 Jahren darum stehen? Was wäre das Beste, was sich daraus entwickeln ließe? Wie lässt sich das heute schon umsetzen? Als neuestes Projekt hat er seine gesammelten Bausteine einer schönen Zukunft in ein Buch gegossen: Utopia 2048, das just wenige Tage vor dem Labor fertig wurde. Darin beschreibt er erzählerisch eine inspirierende Welt, wie sie in knapp 30 Jahren aussehen könnte und was rückblickend nötig war, um diese Utopie Wirklichkeit werden zu lassen.

In Kleingruppen beschäftigten wir uns folgend mit unseren persönlichen Visionen unserer Arbeit, wo unter anderem sinnhaftes Tätigsein und eine Reduktion von Pflichtarbeitszeit im Vordergrund stand. Dies ging mit vielfach genannter Entkopplung von Einkommen und Tätigsein einher. Hier wurde deutlich, dass es einen großen Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung aller Tätigkeiten gibt, auch derer, die bisher wenig unter dem Gesichtspunkt von Lohnarbeit betrachtet wurden. Hier wurde gleichzeitig eine stattfindende Veränderung deutlich, da die so genannte Care-Arbeit im öffentlichen Diskurs momentan als sehr systemrelevant erkannt wird.

 

Was bringt die Zukunft?

Als inspirierendes Bonbon erhielten wir an dieser Stelle eine Leseprobe aus Lino Zeddies’ Buch „Utopia 2048“. Darin hatte sich VW zum erfolgreichen Hersteller von Drohnen avanciert, die in dieser Zukunft einfache Aufgaben und Botengänge erledigten und den Menschen vielerlei hilfreiche Tätigkeiten abnahmen. Menschen beschäftigten sich dafür mit anregenden, sie erfüllenden Arbeiten, wobei der Begriff „Arbeit“ eher der Vergangenheit angehörte, da er so viele negative Assoziationen weckte. Folglich wurde auch das Arbeitsamt in „Berufungsamt“ umgetauft, welches die Bevölkerung beim Finden ihrer Berufung behilflich war. Durch die Absicherung eines bedingungslosen Grundeinkommens gab es in dieser utopischen Welt keinen Wegbruch von Sicherheiten zu befürchten. Im vorgelesenen Abschnitt wurde die Sinnlosigkeit der Erhebung von Arbeitslosigkeit von den Protagonist*innen diskutiert. Ebenso sprachen sie darüber, dass eine Abwicklung überholter Industrien und Einstellung der staatlichen Unterstützung sozial und ökologisch schädlicher Unternehmen finanziell für das Grundeinkommen aufgekommen war. Das Grundeinkommen unterstütze und die Menschen fortan beim Nachgehen ihrer Wunschberufe

Mit diesem mindset ging es dann richtig los mit dem Visionieren, als wir unseren kühnsten Phantasien – Utopie wie Dystopie – freien Lauf ließen. Hier einige der gesammelten Ideen:

Utopie 

  • Sowohl das Sein mit sich selbst als auch das Miteinander würde in der Zukunft anders sein. Die Menschen wüssten mehr, was ihnen eigentlich liegt und würden dem nachgehen. Arbeit würde individuell Sinn erzeugen und ggf. sogar tauschlogikfrei sein, also nicht an ein direktes Entgelt gebunden sein. So würde auch die Selbstoptimierungslogik der Vergangenheit angehören und Leistung käme aus einer Quelle der Inspiration und weniger aus Wettbewerbsängsten. Die Mitarbeiter*innen stünden in tiefen, authentischen Verbindungen miteinander.
  • Unternehmen und Organisationen wären eher klein bis mittelgroß und würden eine attraktive und inklusive Vielfalt abdecken. Die Arbeitsumgebungen wären so gestaltet, dass sie eine Wohlfühlatmosphäre verbreiten würden und vielerlei, teilweise naturverbundene Arbeitsplätze ermöglichen.
  • All jene, die von Entscheidungen in Unternehmen/Organisationen betroffen sind, würden in den Entscheidungsprozess eingebunden, genannt wurden hier Kreisorganisationen, entlehnt aus der Soziokratie.
  • Schulen wurden als eigene Organisationsform als Schutzräume des Experimentierens genannt, in denen neue Ideen entstehen und ausprobiert werden könnten.
  • Die Menschen wären in ihrem Leben nicht mehr an einen oder vielleicht zwei Berufe gebunden, sondern hätten größere Flexibilität der beruflichen Freizügigkeit. Dabei würde sich auch die Arbeitszeit verkürzen – Teilzeit wäre das neue Normal.

 

Dystopie

  • Die Messung und Bewertung all dessen, was Menschen beruflich und privat tun, würde zunehmen und als permanentes Damoklesschwert über ihren beruflichen Existenzsicherungen hängen. Ähnlich wie es in China bereits gehandhabt wird, wären social scoring Systeme verbreitet und eine Atmosphäre von Missgunst und Misstrauen würde die Menschen in zunehmend heftigeren Wettbewerb und Selbstausbeutung treiben.
  • Arbeit würde nur noch von einigen wenigen, monopolistischen Konzernen ermöglicht werden, deren Bosse sich in steilen Hierarchiepyramiden ausschließlich um Gewinne scherten. Produziert würden schlussendlich nur noch ausbeuterische und ungesunde Produkte. Die Arbeit selbst wäre monoton und fremdbestimmt.
  • Ein Rückgang an Sozialstaat und nationalistische Tendenzen würden den non-profit Sektor austrocknen, im Zuge dessen auch Care-Arbeit zum Erliegen käme. Diese würde wiederum von automatisierten Systemen übernommen, die in Kindergärten und anderen Einrichtungen die Betreuung aller Fürsorgebedürftigen mechanisch übernähmen.
  • Errungenschaften der Gleichberechtigung würden zurückgehen und soziale Ungleichheit würde massiv zunehmen.
  • Der Trend zur Verbindung von Arbeit mit Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung würde entweder wieder gekappt und ausgetrocknet oder so ausgehöhlt, sodass sogar diese intime Bastion der Menschen der Selbstvermarktungslogik zum Opfer fallen würde.

Es war bemerkenswert, welche Spanne von schönen und abschreckenden Szenarien sich unsere Gehirne gemeinsam ausdenken konnten und das wiederum schaffte eine interessante Gleichzeitigkeit von Verheißung und Abstoßung. Es verdeutlichte uns als Gruppe außerdem die Lust aber auch Notwendigkeit eines beherzten Zupackens, um unsere Welt im Sinne der utopischen Möglichkeiten zu gestalten.

Wo setzen wir unseren Fokus?

Abschließend kamen wir darauf zu sprechen, welche derzeitigen Trends die zuvor skizzierten Möglichkeiten unterstützten und teilten sie nach Chancen und Gefahren. Erstaunlicherweise kamen in dieser Diskussion etwa zehn identifizierte Chancen entgegen nur einer Gefahr zusammen. In einer Reflexion über diese Disproportionalität wurden wir umso mehr gewahr, wie sehr eine schöne Zukunft für uns als Gruppe Zugkraft hatte. Dies brachte aber zugleich das Risiko mit sich, die Gefahren zu übersehen oder zu trivialisieren.

Es ist eine vermutlich individuell zu beantwortende Frage, inwieweit wir uns Gefahren oder Chancen zuwenden möchten. Implikationen hat es allemal, sowohl gesellschaftlich als auch für die eigene Lebensgestaltung. Ich zog für mich den Schluss, meine Offenheit gegenüber verheißungsvollen und realisierbaren Modellen einer schöneren Arbeits- und Organisationswelt zu vergrößern, Gefahren dabei aber weder zu ignorieren noch ihnen zu viel Raum einzuräumen.

Trotz der Distanz via online-Labor, entstand ein gemeinsames Verheißungsgefühl und löste bei einigen den Wunsch nach mehr Austausch über die Zukunft der Arbeit und Organisationen aus. Angeregt teilten wir am Ende noch einige Ressourcen zur Thematik.

Vielen Dank an Lino für die kurzweiligen Stunden und die vielen neuen Ideen einer lebenswerten Zukunft!

Wer dazu eine umfassende und schön eingebettete Sammlung an progressiven Ideen lesen möchte, kann sich auf Lino Zeddies’ Website näher über das Buch, die Ideen und Bestellmöglichkeiten informieren.

Literatur

Horx, Matthias, 2011: Das Buch des Wandels – Wie Menschen Zukunft gestalten. Erschienen im Pantheon Verlag

Zeddies, Lino, 2020: Utopia 2048. Erschienen im Selbstverlag bei Books on Demand

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