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SOCIUS.Blog

Zum Umgang mit Rechtspopulismus – Resolution der 7. Bundesweiten Gedenkstättenkonferenz am 13.12.2018

Zum Umgang mit Rechtspopulismus – Resolution der 7. Bundesweiten Gedenkstättenkonferenz am 13.12.2018

Bildnachweis: Gedenkstätte Dachau, Pixabay, Nutzung lizenzfrei möglich

Die Bundesweite Konferenz von Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland befasste sich bei ihrem Treffen Mitte Dezember mehrere Tage intensiv mit dem Phänomen des Rechtspopulismus und seinem Ziel der Unterminierung und Abschaffung grundlegender demokratischer Rechte und Werte. Den Ausgangspunkt bildeten die jeweiligen konkreten Erfahrungen der Gedenkstätten mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Besucher*innen bzw. Besuchergruppen. In unterschiedlichen Foren und Arbeitsgruppen wurde das Thema analysiert und wurden Schlussfolgerungen sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten diskutiert. Ich selber moderierte gemeinsam mit Gottfried Kößler vom Pädagogischen Zentrum FFM. Fritz Bauer Institut & Jüdisches Museum Frankfurt den Workshop „Bildungsangebote in Gedenkstätten und die AfD – Ein Austausch“.

Im Ergebnis der Konferenz beschlossen die stimmberechtigten Teilnehmenden das Positionspapier: Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland rufen auf zur Verteidigung der Demokratie. Erinnert wird in der Resolution an den Auftrag der NS-Gedenkstätten und an die darauf beruhende Verpflichtung, allen rechtspopulistischen und vergleichbaren Erscheinungsformen in der täglichen Arbeit der historisch-politischen Bildung konsequent entgegenzutreten. Außerdem wird an die Akteure in Politik und Gesellschaft appelliert, sich ebenfalls aktiv für die Verteidigung der universellen Grund- und Menschenrechte einzusetzen.
(Untenstehenden Text der Resolution lesen)

Mit diesem Papier, das mittlerweile auf sehr vielen Homepages von NS-Gedenkstätten einzusehen ist, beziehen die NS-Gedenkstätten öffentlich Position und machen damit – meines Erachtens erfreulicherweise – deutlich, dass mit ihnen als Faktor in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um demokratische Grundrechte und –werte zu rechnen ist.

Fortbildung für Multiplikator*innen

Wer sich mit solchen Fragen im Rahmen von Gedenkstättenbesuchen weiter befassen möchte, kann dies demnächst bei folgender Fortbildung für Multiplikator*innen: »Parteilichkeit statt Beutelsbacher Konsens?« – Gedenkstättenpädagogik in Zeiten von zunehmendem Rechtspopulismus in der Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (ejbw) am 22. – 24. Februar 2019. Die Fortbildung leite ich gemeinsam mit dem Trainer Christian Geißler sowie Dr. Frank König von der ejbw. Informationen und Anmeldung unter: Tel.: 03643 827-104, Mail: koenig@ejbweimar.de.

Kerstin Engelhardt

 

SOCIUS Ausblick 2019

SOCIUS Ausblick 2019

Viele sagen ja, dass gute Vorsätze für das neue Jahr nicht wirklich hilfreich sind, weil sie ohnehin nicht lange halten und selten wirklich umgesetzt werden. Andere sagen, sie machen sich andauernd neue Vorsätze, völlig unabhängig vom Datum und wieder andere betrachten den Beginn des neuen Jahres mit Magie und glauben an die transformatorischen Kräfte der Zeit „zwischen den Jahren“.

Hier bei SOCIUS gibt es von allem etwas und nach dem das Jahr 2018 der internen organisationalen Transformation galt, wird die Energie die das freigesetzt hat 2019 nach außen geleitet in unser Fortbildungsangebot.

Unter anderem deswegen sind wir auch gleich nach dem oe-tag im November 2018 mit großer Lust in die Planung des neuen Jahres gegangen.

Unsere Vorsätze für 2019 sind:

  • 10 SOCIUS briefe
  • 10 SOCIUS labor & lounge
  • 1 oe-tag
  • 2 mal gOe!
  • die SOCIUS Führungsakademie
  • empathy@work
  • SOCIUS Seminare

Wir sortieren unser Angebot in verschiedene Kategorien, wobei wir uns gewahr darüber sind, dass dies (noch) ein Experiment ist.

Unser Anliegen ist es Angebote zur Wissensvermittlung zu machen: Die SOCIUS Seminare. Darüber hinaus arbeiten wir alle prozessorientiert und persönlich, hier machen wir Angebote, die über einen längeren Zeitraum Rahmen für Entwicklungsprozesse geben: Die SOCIUS Werkstattzyklen, die SOCIUS Führungsakademie und empathy@work. Nicht zuletzt ist uns wichtig niedrigschwellige Angebote zum Kennenlernen und zur Vernetzung zu haben: Die SOCIUS labore & lounge, die SOCIUS Kaminfeuergespräche und den oe-tag.

SOCIUS labor & lounge

Die Termine für das SOCIUS labor sind wie immer donnerstags nachmittags von 14 bis 18 Uhr mit anschließender SOCIUS lounge bei Suppe und Getränken.

Los geht es am 24. Januar mit Elke Wagenmann und der „Kraft der Karten“ zu Assoziationen, die wir für die Arbeit nutzen können.

Weitere Themen im ersten Halbjahr werden sein:

  • Improvisation in Organisationen: Ein erwachsenes Kinderspiel am 28. Februar mit Hannah Hummel
  • Persönliche Präsenz in professionellen Kontexten am 28.3. mit Beate Maes
  • Intuitive Prozessbegleitung am 25. April mit Heike Brembach
  • Schutzkonzepte in Organisationen – von der individuellen Aufarbeitung zur präventiven Struktur am 9. Mai mit Marek Spitczok von Brisinski
  • Design Thinking – die Hand denkt mit am 13. Juni mit Cong Yu Li

Weiter geht es dann nach den Berliner Sommerferien am 15. August, 19. September, 17. Oktober, 21. November und 19. Dezember 2019. Ab 2020 wird das einfacher: immer der 3. Donnerstag im Monat!

SOCIUS Seminare

Die SOCIUS Seminare haben etwas ganz neues hervorgebracht für 2019, ein Experiment auf das wir uns freuen:

* Rudi Piwko bietet fünf Mal sein viertägiges Seminar „OE Werkzeuge“ an. Ein Versuch einen Extrakt aus 20 Jahren Beratungsarbeit erlebbar zu machen – durch radikale Komplexitätsreduktion und eine radikal kleine Gruppe von max. 8 Teilnehmenden. Wer schon immer mal Themen wie Organisationsaufstellung, Transaktionsanalyse oder Biografiearbeit an Hand einer Übung kompakt kennenlernen wollte: 3x3 Werkzeuge der OE – im März jeden Dienstag (Mai/montags, September/dienstags, November/montags, August als Blockseminar).

Im Februar und Mai finden zwei Seminare in Kooperation mit der Alice-Salomon-Hochschule statt:

Hierfür läuft die Anmeldung jeweils über die ASH.

Weitere Angebote im SOCIUS Seminar Blumenstrauß werden sein:

  • Feministisch führen am 20. März mit Nicola Kriesel und Kerstin Engelhardt
  • Planspiele in der oe am 3. Juni mit Rudi Piwko
  • Das Züricher Ressourcen Modell
  • Konsent Moderation
  • Monitoring und Evaluation

und sehr wahrscheinlich einiges, was wir heute noch gar nicht wissen.

SOCIUS Werkstattzyklus

Der SOCIUS Werkstattzyklus gOe! – gemeinnützige Organisationen entwickeln ist ein bißchen das Flaggschiff unserer Angebote. Bereits seit 2003 findet er – mit kurzer Unterbrechung jährlich statt und ist in diesen 15 Jahren stetig weiterentwickelt worden. 2019 werden zum dritten mal zwei Durchgänge „gOe!“ stattfinden. Diesmal neuerdings 10 Tage. Es wird einen Durchgang an der Akademie Sonneck in Naumburg geben, der am 1. April startet und für den es noch einige Plätze gibt. Dieser wird von Andreas Knoth und Nicola Kriesel begleitet. Im Herbst beginnt ein weiterer Durchgang in Berlin mit Christian Baier und Joana Ebbinghaus. Hier haben wir es gewagt, nach 10 Jahren den Teilnahmebeitrag etwas zu erhöhen und uns damit ein bißchen an reguläre Marktpreise anzupassen.

Ein zweiter SOCIUS Werkstattzyklus wurde 2017 von Christian Baier und Nicola Kriesel zusammen mit Christa Cocciole entwickelt und läuft nun bereits in der zweiten Runde: Bewegte Beratung – hier geht es darum den Körper als Instrument in der Beratung kennenzulernen und einzusetzen. Im Herbst 2019 wird ein dritter Durchgang mit 5 Modulen beginnen.

SOCIUS Führungsakademie

Die SOCIUS Führungsakademie erweitert sich: In unserer täglichen Beratungs- und Prozesspraxis haben wir oft und gerne mit Menschen zu tun, die unterschiedliche Arten von Führung in Organisationen übernehmen – sei es Geschäftsführung, Vorstandsarbeit, Teamleitung oder Ressortkoordination. Die Begriffe sind genau so vielfältig wie die Aufgaben und Herausforderungen denen sich die Menschen stellen müssen. Reflexion, Feedback, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung sind unserer Ansicht nach essentielle Qualitäten von Führung, hierfür haben wir nun verschiedene Formate geschafften:

Im Mai 2019 starten wir mit Macht. Führung. Sinn. – Frauen* gestalten Führungspositionen. Kerstin Engelhardt, Joana Ebbinghaus und Nicola Kriesel werden gemeinsam diese Fortbildung für Frauen* anbieten, die ihre Führungsrolle reflektieren und entwickeln wollen. Mit Intensivmodulen, Supervision und Coaching über ein Jahr wird sich eine Gruppe von maximal 15 Frauen* gemeinsam ihren Führungsaufgaben, ihrem Verständnis, ihrer Entwicklung und ihren Herausforderungen stellen. Detaillierte Infos gibt es alsbald auf unserer Veranstaltungsseite.

Unabhängig davon wird Kerstin Engelhardt ab Ende Januar immer am letzten Dienstag des Monats von 17 bis 20h eine offene Supervisionsgruppe für Frauen in Führungspositionen anbieten.

Rudi Piwko hat gemeinsam mit Cornelia Spohn eine eineinhalbjährige Fortbildung mit dem Titel Berufsbiografische Entwicklungen entwickelt. In Berlin, Frankfurt am Main und im Sommer 2020 als Blockseminar eine Woche in Südfrankreich, wird die Gruppe insgesamt 7 mal zweieinhalb Tage arbeiten. Eingeladen sind alle, die einem persönlichen Blick auf die eigene Berufsbiografie wagen wollen (oder müssen). Jedes Modul wird jeweils mit einem neuen Aspekt methodisch-inhaltlich eingeleitet.

Bereits vor 2 Jahren initiierte Rudi Piwko eine Fortbildung zu Führungsstilen unter dem Titel „Der Mann führt – aber wie?“. Inzwischen ist es eine feste Gruppe von Geschäftsführern und Vorständen geworden, die sich halbjährlich zur Reflexion und Fallbesprechungen trifft. In 2019 im März und August. In der Gruppe (max. 8 TN) sind auf Anfrage noch ein bis zwei Plätze frei

Nach dem oe-tag ist vor dem oe-tag.

Am 23.11.18 haben wir mit ingesamt 140 Menschen den oe-tag „Storytelling und Sensemaking in Organisationen“ gestaltet und im Anschluss unseren 20. Geburtstag gefeiert. Impressionen des Tages finden sich auf oe-tag.de.

Und weil der oe-tag seit 2008 jährlich stattfindet, aber im Sommer noch schöner ist als im November, haben wir uns entschieden, dass der nächste oe-tag am 7. Juni 2019 stattfindet. Diesmal soll es ein kleineres Format werden zum Thema „Emotionale Transformation in der Organisationsentwicklung“. Weitere Infos werden Sie in den kommenden Wochen auf der Webseite www.oe-tag.de finden.

Ausblick im Ausblick

Ralph Piotrowski und Nicola Kriesel erforschen gemeinsam schon seit langem die Wirkung von Empathie im Arbeitskontext. Daraus ist empathy@work entstanden – ein Motto unter dessen Titel schon verschiedene Veranstaltungen angeboten wurden. Nun wollen die beiden zu einer Intensivwoche „Mut und Neugier“ nach Rügen einladen. Dieses Angebot wird aktuell fertiggestellt und im kommenden SOCIUS brief wird darüber mehr zu erfahren sein.

Wir freuen uns sehr wenn unser Schwung auch euch ansteckt und inspiriert zum lernen und entdecken, entwickeln und erfahren.

Alle Angebote werden im monatlichen SOCIUS brief erwähnt und sind auf unserer Veranstaltungsseite mit genauen Beschreibungen zu finden.

SOCIUS Rückblick 2018 von Kerstin Engelhardt

SOCIUS Rückblick 2018 von Kerstin Engelhardt

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Kerstins Rückschau

Wenn ich an das vorangegangene Jahr 2018 denke, dann fällt mir als erstes ein: Der Sommer – ein nicht enden wollender Sommer mit dauerndem Sonnenschein! Monatelang saß ich morgens um 7 Uhr auf dem Fahrrad, war um 8 Uhr im Schwimmbad und begann gegen 9.30 Uhr glücklich den Arbeitstag.

Sonst gab es wie so oft manches Schweres, immer wieder Leichtes und Vieles dazwischen, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten.

So fand sich eine gute Betreuungslösung für meine Mutter, während es meinem Schwiegervater leider immer schlechter geht. Und ein Freund verunglückte tödlich bei einem Unfall, was mir noch immer ein Ziehen im Herzen verursacht; aber meine Patentochter konnte den Krebs besiegen und blickt jetzt wieder voller Zuversicht in die Zukunft, wofür ich sehr dankbar bin.

Auf der individuellen beruflichen Ebene entwickelte ich das Thema Biografiearbeit/ Biografische Reflexion weiter, nehme dazu auch an einer größeren, mich sehr inspirierenden Fortbildung teil, die ich im September dieses Jahres mit einem Praxisprojekt beenden werde.

SOCIUS-intern erlebte ich einige Phasen – wie auch der Kollege Christian Baier in seinem Rückblick schreibt – als mühsam und war sehr froh, als wir die dann beschlossene und in Teilen schon seit Jahren gelebte veränderte Organisationskultur auch formal in Struktur umsetzten und damit diverse Aushandlungsprozesse einen Abschluss fanden. Wenn ich als beobachtende Beteiligte auf diese Prozesse blicke, dann waren sie auch deshalb für mich so wertvoll, weil erneut deutlich wurde, wie unterschiedlich die Einzelnen agierten und reagierten und wie viel Anstrengung es braucht, eine Passung von Organisationskultur und –struktur herzustellen, die alle relevanten Befindlichkeiten und Umfeldanforderungen konstruktiv integriert. Eine Erfahrung, die ich bei meinen zukünftigen Prozessberatungen nicht vergessen werde. Den gelungenen Abschluss der internen Aushandlungen, auch im Sinne einer Zeremonie, und zugleich den Auftakt oder Ausblick auf Neues, Zukünftiges bildete dann für mich unser oe-Tag im November zum Thema Storytelling and Sensemaking.

Die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen – erstarkender Rechtspopulismus, #MeToo-Debatte, Durchdigitalisierung von Arbeits- und Lebenswelt – berühren mich auch in meiner Berufsidentität, auf der Ebene der eigenen Kompetenzen und Werte. Eine Frage, die ich mir vermehrt stellte, lautete: Welchen Beitrag kann ich leisten, um die Situation zu verbessern, für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft? Diese Frage wird mich auch in diesem Jahr beschäftigen. Und ich bin selber gespannt, welche weiteren Antworten ich darauf finden werde.

 

 

SOCIUS Rückblick 2018 von Christian Baier

SOCIUS Rückblick 2018 von Christian Baier

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Christians Rückschau

Der Rückblick auf 2018 beginnt bereits 2017

Wenn ich auf die Entwicklungen von SOCIUS in 2018 zurück schaue, beginnt dieser Rückblick bereits Ende 2017. Schon seit längerem nehmen wir für uns in Anspruch, das „heroische Prinzip“ einer Führungskraft überwunden zu haben – Entscheidungen werden gemeinsam und gleichberechtigt getroffen. Das hat manchmal ein wenig gerüttelt und häufiger einige Kommunikationsschleifen gebraucht. Allerdings war es so möglich, den Übergang von einer mehrheitlich bzw. einzeln geführten Organisation zu einem gleichberechtigten System zu gestalten – ohne dass z.B. die Gründungsfigur, wie manchmal beschrieben, gehen musste. Wir waren also durchaus stolz auf uns, als die tatsächliche „Belastungsprobe“ dieses Zusammenwirkens Ende 2017 kräftig zuschlug. Hintergrund des Konflikts war die Frage nach dem eigenen Handlungs- und Entscheidungsspielraum im Konflikt mit dem gemeinsam verabredeten. Und – anders als vorher – hatte es eine Qualität, die auf die persönliche Ebene durchschlug und uns in dieser Manifestation durchaus überraschte. Rückblickend wurde deutlich, dass wir vielleicht doch – gemeinsam – noch stärker im heroischen Tun steckten, als wir uns zugeben wollten. Und dass dieses nun wirklich an seine Grenzen stieß.

  1. Wir haben uns geschüttelt wie ein Hund, die emotionalen Vorwürfe relativ schnell angesprochen (wie schön, dass wir doch intuitiv spüren, wann wir externe Moderation benötigen) und konnten weiter gehen.
  2. Wir haben Muster durchbrochen und vor allem reflexhafte Argumente aus den Rollen „Gründer“ oder „Nicht-Gründer“ konsequenter hinterfragt.
  3. Wir denken mehr in Funktionen und konkreten Tätigkeiten bzw. Rollen als in Positionen und Machtzuschreibungen. Ein buntes Rollenboard sichtbar über unserem Drucker, das in unterschiedlicher Regelmäßigkeit betrachtet wird, ist eine sichtbare Konsequenz davon. Hier üben wir uns ständig weiter und sind neugierig gespannt, wo das System uns hinführt.
  4. Wir haben im Jahr viel Zeit genommen interne Prozesse zu reflektieren und kommen – für meinen Eindruck – zunehmend besser dahin, persönliche und Organisationsebene dabei angemessen zu thematisieren.

So anstrengend die Situation war, so kräftig war ihr beschriebener Impuls, der in das Jahr 2018 führte. Sicherlich lässt sich nicht alles auf den einen Urknall zurückführen, doch die Bedeutsamkeit, sich selbst nun einmal Strukturen und Prozesse zu geben, die das gemeinsam Gewünschte auch tatsächlich widerspiegeln, diese Notwendigkeit wurde deutlich, von allen gespürt und hat zu weiten Konsequenzen beigetragen.

Form follows Function: „Strukturanpassungsmaßnahmen“

Herbst 2018 – passend zum 20 jährigen Jubiläum der SOCIUS Organisationsberatung gGmbH – wurde diese Entwicklung strukturell untermauert: die gemeinnützige GmbH ging aus dem Besitz einzelner in das Eigentum der eG als 100prozentige Tochter über. Gleichzeitig vertreten seitdem sieben Berater*innen der SOCIUS eG diese nach aussen. Innerhalb der bürgerlich-rechtlichen Möglichkeiten haben wir damit unser eigenes Verständnis von Selbstorganisation weitestgehend möglich strukturell manifestiert und tragen es nun auch mit Freude nach außen. Glasl meets Laloux sozusagen.

Neben Glasl („Phasen der OE“) und Laloux („Selbstorganisation“) sind die Modelle um Komplexität (u.a. Stacey u.a.) das dritte rahmengebende Modell unseres eigenen unternehmerischen Sozialexperiments. Mit der geteilten Verantwortung diskutieren wir weniger in Überschriften als in konkreten Schritten der Umsetzung; weniger in der Konzeptentwicklung eines gesamten Bildungsbereiches als in der konkreten Entwicklung von Angeboten aus denen sich später ein Straus ergibt; weniger in abstrakten Qualitätsmaßstäben als in konkreten Reflexionen unserer Arbeit sowohl in Trainings als auch in der Beratung. Das wird auch 2019 weiter gehen ebenso die Labore, der oe-tag, andere Bildungsveranstaltungen; aber auch die internen Teamsitzungen, „SOCIUS-Tage“ und unsere Wegfahrklausur.

„Sinnvoll zusammen wirken“ wollen wir nach innen und nach außen. Dementsprechend haben wir uns dem Aufruf von #unteilbar angeschlossen, einige von uns waren auch auf der Demonstration im Oktober. Wir verstehen uns als Beratungsorganisation und als Teil einer pluralistischen, offenen (Zivil-)Gesellschaft. Gleichzeitig werden wir zukünftig weiter schauen, wie und was unsere explizite Stimme beitragen kann in diesem Konzert.

Mein oben dargestellter Rahmen bezog sich auf drei Modelle. Wer mag kann beispielsweise hier weiterlesen:

  • Glasl („Phasen der Organisationsentwicklung“): Dynamische Unternehmensentwicklung. Grundlagen für nachhaltiges Change Management. Haupt-Verlag, 5. Auflage 2016.
  • Laloux („Selbstorganisation“): Reinventing Organisations. Verlag Vahlen
  • Stacey (“Komplexe Systeme”): Complex responsive processes as a theory of organizational improvisation. Routledge-Verlag, 2006.
SOCIUS Rückblick 2018 von Rudi Piwko

SOCIUS Rückblick 2018 von Rudi Piwko

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Rudis Rückschau

Mein persönliches SOCIUS Jahr gliederte sich in vier „Jahreszeiten“:

Der Winter

Im Winter war für mich noch unklar, ob ich mich auch emotional würde aus meiner angestammten Rolle als Gründer von SOCIUS verabschieden können. Kognitiv war ja auch von mir die Umwandlung von SOCIUS aus einem eigentümergeführten Betrieb in ein von den Beteiligten selbst organisiertes System gewollt. Allein: Der Geist war zwar schon lange willig, aber das Fleisch war immer wieder schwach geworden (Markus 14,37).

Der Frühling

In dieser Unsicherheit beschloss ich meine dreimonatige Pilgerwanderung zu Fuß mit Zelt und Hund, die im Frühjahr stattfand. Kein Lesen, kein Schreiben, keine Gespräche. Eine der besten Zeiten meines Lebens.

Der Sommer

Zurück war es Sommer und eine von den Kolleg*innen sehr schön bereitete Wiederaufnahme bei SOCIUS erwartete mich nach zehn Wochen im Wald. Dazu gesellte sich der Abschluss eines einjährigen Prozesses bei einem sozialen Verband (zusammen mit Kerstin), der zu den erfolgreichsten meiner zwanzig Jährigen Beratertätigkeit zählte. Welch Willkommen.

Der Herbst

Im Herbst konnten dann alle bisherigen Anteilseigner der gGmbH ihre Anteile mit gutem Gefühl an die SOCIUS Genossenschaft verkaufen. Der Schritt von der Personen-Kapitalgesellschaft zur paritätisch gleichbereichtigten Genossenschaft in der alle sieben Beratenden Vorstand sind, wurde juristisch vollzogen. Nur folgerichtig, dass wir im November den 11. oe tag mit der größten Zahl von Beteiligten bisher überhaupt (140 Menschen!) organisieren konnten. Das Umbruchjahr 2018 war für mich (und ich denke auch für uns alle bei SOCIUS) wegweisend und ich bin / wir sind  nach dieser weiteren „SOCIUS Häutung“ energetisch so restituiert, dass ich / wir gerade für 2019 eine Reihe von neuen Formaten an Fortbildungen und Entwicklungsbegleitungen erarbeite/n. Wir werden wohl alle von diesem neuen Schwung profitieren… 😉

SOCIUS liest: Purpose Driven Organizations

SOCIUS liest: Purpose Driven Organizations

Franziska Fink, Michael Moeller (2018)

Purpose Driven Organizations

Wenn Berater*innen Bücher schreiben, kann man sich in der Regel auf zwei Dinge verlassen: erstens, sie haben fruchtige Praxis-Stories im Gepäck, und zweitens, sie verpacken ihre Inhalte aufgrund der natürlichen Zielgruppe „Busy Executives“ in handliche und vergleichsweise theoriezahme Häppchen. Purpose Driven Organizations läßt sich da etwas anders an: zwar sprechen Franziska Fink und Michael Moeller durchaus von ihrer Beratungspraxis, von forschenden Begegnungen mit Sinn-getriebenen Organisationen und von ihren eigenen Erfahrungen mit Holacracy bei der Beratergruppe Neuwaldegg; aber sie tun das im stringenten Theorie-Korsett und mit der sauberen Fundierung der Systemischen Organisationslehre Luhmannscher Prägung (was sich nicht zuletzt im imposanten Reference-Count zu Luhmanns Spätwerk „Organisation und Entscheidung“ spiegelt).

Im ersten, einführenden Teil des Buches wird der weite Rahmen zu „Welt, Sinn und Organisation“ aufgespannt. Die Urgency-Frage („Warum ist das Thema jetzt relevant?“) beantworten die Autor*innen – in fein schattierter Abgrenzung zum Entwicklungsphasen-Modell von Laloux, dem ein respektvoll kritisches Kapitel gewidmet ist – mit dem synchronen Pegel-Anstieg von Welt-Komplexität und individueller Sinnsuche. Beim Begriffs-Umriss wird deutlich, dass der Amerikanische „Purpose“ Diskurs sich nicht ohne Mühe ins Deutsche übersetzt: „Zweck“ ist in der Konnotation zu funktional, „Sinn“ mit seinen emotionalen und transzendentalen Facetten zu vieldeutig und diffus. Fink und Moeller halten es mit der Bedeutung „Seinszweck“ und geben die (doch eher diesseitige) Purpose Formel aus: „Unser Beitrag für diese Stakeholder, um jene Wirkung zu erzielen“.

Die systemische Brille kommt bei dem so romantisch anmutenden Thema zunächst wie ein Liebestöter daher: Wo Organisationen als Systeme von Entscheidungskommunikation gezeichnet werden, ist Purpose folgerichtig nichts weiter als ihre oberste Entscheidungsprämisse. Hierfür wird der Seinszweck in seiner kristallinen, gefertigten Form benötigt. Der emergente Prozess dialogischer Sinnstiftung im Untergrund (in der Dialogischen OE als „meaning-making“ bezeichnet) ist hier lediglich Begleitmusik oder im besten Fall Vorspiel.

Im zweiten Abschnitt geht es einen Schritt näher an den eigentlichen Gegenstand heran. Was den Idealtypus der Purpose Driven Organisation ausmacht, wird anhand von fünf Merkmalen, bzw. „Diziplinen“ aufgefaltet (der Begriff verweist darauf, dass Purpose Drive von Praktiken lebt, die gepflegt sein wollen):

 

  • Dominanter Purpose: Der Purpose – ausgedrückt in einem kompakten Statement – ist die ultimative Kompassnadel und wird in jedem Winkel des Organisationsgeschehens verankert. Auf darunterliegende Schichten langfristiger Planung und Budgetierung wird dagegen weitgehend verzichtet.
  • Kodifizierte Selbstorganisation: Autonome Steuerung und Selbstorganisation sind vom Prozess her klar formatiert, das Ergebnis dieser Prozesse bleibt dagegen programmatisch offen.
  • Ganzheitliche Partnerschaft: Purpose wird sowohl organisational als auch individuell in den Blick genommen. Personalarbeit hat dabei vor allem die Aufgabe, die beiden Ebenen aneinander andockfähig zu halten – Stichworte sind hier „Purpose Fit“ und „Purpose Beitrag“.
  • Superflexible Vertrauenskultur: Agilität und gegenseitiges Vertrauen bilden die Grundbausteine der Kultur Purpose getriebener Organisationen. Da Kultur nach Luhmann als „unentscheidbare Entscheidungsprämisse“ nicht direkt gestaltbar ist, geht es hier vor allem um Personal-Selektion und purpose-gerechte strukturelle Rahmung.
  • Co-Evolution im Ökosystem: Profunde Wirkung entsteht in komplexen Handlungsfeldern meist erst durch übergreifende Kooperation. Purpose hat dabei die Funktion einer weiter gezogenen Membran, die über die Grenzen der Organisation hinaus Akteure verbindet und ausrichtet.
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Nachweis:

Franziska Fink, Michael Moeller (2018): Purpose Driven Organizations, Schäffer-Poeschel, Stuttgart. 338 Seiten, gebunden ca. 40 EUR

Das Buch ist in weiten Passagen als Leseprobe auf der Seite https://www.neuwaldegg.at/dateien/1642_Purpose_Driven_Organizations_-_Leseprobe.pdf und auf der Plattform www.purpose-driven.world zu finden.

Teil Drei des Buches ist zwölf Inspirations-Portraits Purpose getriebener Organisationen gewidmet. Hier treffen wir alte Bekannte wie den dm-drogerie markt, soulbottles und das Getränke-Kollektiv PREMIUM wieder, aber auch neuere spannende Geschichten wie die der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, der BOSCH Power Tools und der Lieferbäckerei MÄRKISCHES LANDBROT. Die Beschreibungen sind kompakt und anregend, fokussieren allerdings deutlich aufs Gelingende (die Vermutung, dass nicht immer alles so einfach ist, drängt sich auf). Ob die magische Formel der fünf Disziplinen den Fallbeispielen (als zu illustrierendes Konzept) vor- oder (als Forschungsergebnis) nachgeordnet ist, bleibt dabei auf undramatische Weise vage.

Den letzten Abschnitt bildet eine umfassende Methodensammlung, die neben den „Systemlösungen“ Soziokratie, Holacracy und Soziokratie 3.0 diverse Werkzeuge zur Arbeit mit den im Untertitel des Buches verankerten Konzepten Sinn, Selbstorganisation und Agilität vorstellt. Auch hier findet sich Bekanntes neben neuen Tools und Handlungsansätzen, die jeweils anschaulich beschrieben und sauber referenziert sind. Schon die erste Methode, der Purpose Quest, stellt eine inspirierende intuitionsbasierte Variante der kollektiven Sinnsuche vor, für die sich die Vertiefung in diese Sammlung lohnt. Aber auch die weiteren rund 50 Regieanleitungen, etwa zur kollektiven Besetzung von Führungsrollen, zur Arbeit mit Organisationalen Glaubenssätzen oder zur Durchführung von Innovations Sprints geben gute Impulse für die Entwicklung sinn-orientierter flexibler Arbeitsformen.

Die vier Teile bilden ein rundes Ganzes, das für ganz unterschiedliche Bedarfe etwas zu bieten hat. Man muss das Buch nicht stringent von vorne bis hinten lesen, allerdings lohnt es sich – allemal wenn man noch nicht fließend Luhmann spricht – den ersten und zweiten Teil als Einheit zu rezipieren. Purpose Driven Organisations beschreibt keine ganz neuen Planeten, zeichnet aber am Diskurshimmel ein prägnantes neues Sternbild ein, mit dem sich gut arbeiten lässt. Das Buch zeigt zudem, dass die Suche nach sinnstiftendem Arbeiten in einer komplexen Welt aus ihrer wolkigen Traumphase herausfindet und in die geerdete, handwerkliche Phase des Designs einsteigt.

Gelesen und vorgestellt von Andreas Knoth.

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